Google-Effekt – Wie das Internet unser Gehirn beeinträchtigt

Wie hieß der Schauspieler in diesem Film, wie lautete die englische Version für jenes Wort? Bei solchen Fragen denken wir oft nicht nach, sondern googeln die Begriffe. Laut einer neuen Studie beeinträchtigt dieses Verhalten unser Gedächtnis.

Trägt das Internet dazu bei, unsere grauen Zellen in Brei zu verwandeln? Die Diskussion um diese Frage ist zugegebenermaßen nicht mehr ganz taufrisch. Bereits im Jahr 2008 fragte der US-Autor Nicholas Carr in einem heute legendären Essay, ob Google uns doof macht.

In diese Debatte will Betsy Sparrow, Psychologin der Columbia Universität, vermutlich gar nicht einsteigen. Und doch wird ihre neue Studie, die gestern im renommierten Wissenschaftsmagazin „Science“ erschienen ist, die Debatte sicher wieder hochkochen lassen. Um es vorwegzunehmen: Sparrows Studie zeigt, dass der häufige Gebrauch von Suchmaschinen und anderer digitaler Datenbanken die Art, wie wir Informationen im Gedächtnis behalten, durchaus verändert.

Im Zentrum der neuen Untersuchung steht der Begriff des so genannten transaktiven Gedächtnisses. Vereinfacht gesagt steckt dahinter die Annahme, dass wir unmöglich alle Daten und Fakten selbst im Kopf behalten können – jedoch wissen wir, wer aus unserem Umfeld es weiß, und können bei Bedarf darauf zurückgreifen. Diese Rolle des Wissensspeichers übernehmen heute nicht selten Google und Co. Aber wie wirkt sich das auf unser Verhalten aus?

Dieser Frage widmeten sich Sparrow und ihr Team in insgesamt vier Experimenten. In einem davon sollten 60 Freiwillige zunächst 40 verschiedene Aussagen von einem Computer ablesen und dann abtippen. Der einen Hälfte der Teilnehmer suggerierte Sparrow, dass der Rechner alles automatisch speichern würde; die andere Hälfte ging davon aus, dass alles gelöscht würde.

Jedem zweiten Teilnehmer trug Sparrow auf, sich so viele Informationen wie möglich zu merken. Raten Sie mal, wer am meisten memorierte – genau: Jene Probanden, die dachten, dass der Computer alles löschen werde. Wer dachte, dass der Rechner ohnehin alles abspeichert, merkte sich am wenigsten. Ganz so, als verließe er sich darauf, dass er notfalls alles wieder nachschlagen könne.

So wie eben bei Google oder Bing. Zumindest wissen wir, wo wir nachschlagen müssen. Eher vergessen wir die Informationen als den Ort, an dem wir sie wiederfinden. Das zumindest war das Resultat eines weiteren Experiments von Sparrow.

28 Freiwillige lasen wieder verschiedene Aussagen und tippten sie ab, dann teilte ihnen der Computer mit, in welchem Ordner die Sachen gespeichert seien. Im Anschluss sollten sie wieder so viele Aussagen wie möglich aus ihrem Gedächtnis abrufen. Und siehe da: Die Probanden erinnerten sich eher an den Speicherort als die Aussage an sich. Mehr noch: Wenn sie eine Aussage vergessen hatten, konnten sie sich umso besser an den Ort erinnern, an dem sie sie wiederfinden konnten.

Wir sind heute eben daran gewöhnt, Computer als Wissensspeicher zu nutzen – und erinnern uns eher an das „Wo“ als das „Was“. Das menschliche Gedächtnis passt sich langsam den neuen Technologien an.

Hier ein Interview mit Betsy Sparrow über die Studie

77 Kommentare

  1. Metaexperiment hier im Kommentarthread – Keine Analyse, keine Einordnung der Studienergebnisse – stattdessen Retweets.

  2. Hi ihr,
    wenigstens ist auf goggle und seinen Algorythmus verlass. Während ich das hier las, erschienen auch schon re Vorschläge für besseres Lernen und Demenz *schluck*.
    OK, weil das viele Leute nutzen, konnte google seine Gewinn im Vergleich vom Vorjahr um über 30% steigern, wo hab ich das gestern doch gelesen?
    Mal googlen *g*

  3. Die Sorge ist sogar noch ein bisschen älter als 2008. Bedenken in Bezug auf die Verbreitung der Schreibkunst und ihre schädliche Wirkung auf die Merkfähigkeit werden schon Sokrates zugeschrieben.

Hinterlasse einen Kommentar.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.