Wer nicht fragt, bleibt dumm – Experten brauchen negatives Feedback

Was genau unterscheidet den Anfänger vom Experten? Diese Frage ist etwa so alt wie die Nacht. Zwei amerikanische Forscherinnen haben jetzt eine neue Antwort gefunden – demnach zeigt sich wahres Können daran, wie wir Feedback einfordern.

„Wer nicht fragt, bleibt dumm“, hieß es im Vorspann der „Sesamstraße“. Zugegeben, das Titellied der legendären Kindersendung rühmte vor allem kindliche Neugier. Doch es spricht nichts dagegen, auch als Erwachsener noch wissensdurstig zu sein. Das wusste schon der amerikanische Schauspieler Burt Lancaster: „Solange man neugierig ist, kann einem das Alter nichts anhaben.“

Egal ob im Beruf oder Privatleben – wenn wir uns weiterentwickeln wollen, müssen wir uns ständig selbst hinterfragen, und dabei sind wir auch auf die Rückmeldung von Freunden, Kollegen oder Vorgesetzten angewiesen. Denn sonst wüssten wir nicht, ob wir auf dem richtigen Weg oder dem Holzweg sind. Feedback ist wichtig und steigert die Motivation.

Aber was ist besser – positive Rückmeldung à la „Das hast Du gut gemacht“ oder tendenziell negative nach dem Motto „Hier hast Du noch Schwächen“?

Das kommt ganz auf die Kompetenz des Empfängers an, behauptet zumindest Stacey Finkelstein, Doktorandin an der Booth School of Business der Universität von Chicago. Gemeinsam mit der Marketingprofessorin Ayelet Fishbach beschäftigte Finkelstein sich in einer Studie (.pdf), die im Juni 2012 im „Journal of Consumer Research“ erscheinen wird, mit dem Thema Feedback. Die Kernthese der beiden Forscherinnen: Je kompetenter jemand ist, desto mehr Wert legt er auf negatives Feedback.

Finkelstein und Fischbach analysierten in verschiedenen Experimenten den Zusammenhang zwischen den Fähigkeiten einer Person und der von ihr bevorzugten Rückmeldung. In einem Versuch befragten sie beispielsweise 87 amerikanische Studenten, die an der Uni Französischkurse belegt hatten. Die einen saßen im Anfänger-, die anderen im Fortgeschrittenenkurs. Dabei zeigte sich: Wer gerade erst mit der Fremdsprache begonnen hatte, präferierte positives Feedback. Wer hingegen schon recht gut Französisch sprach, wollte lieber negatives Feedback bekommen – solches also, das ihn eher an seine noch vorhandenen Schwächen erinnerte als an seine bereits existierenden Stärken.

In den folgenden vier Experimenten war das Resultat gleich, egal ob bei Männern oder Frauen, egal ob im privaten oder beruflichen Kontext: Die Anfänger wollten eher positives Feedback, die (vermeintlichen oder tatsächlichen) Experten negatives. Wie kommt das?

Der Klavierspieler

Nehmen wir als Beispiel einfach mal Klavierspielen. Ein Anfänger wird damit zunächst seine Schwierigkeiten haben. Er wird sich häufig verspielen, die falschen Tasten erwischen, die Finger nicht richtig halten, Hände und Füße nicht ordentlich koordinieren. Wenn ihm sein Lehrer jetzt ausschließlich mitteilt, was er alles falsch macht, wird ihn das nur noch mehr frustrieren. Erfährt er jedoch, was er bereits richtig macht, wird ihn das eher zum Weiterüben animieren.

Bei einem professionellen Pianisten sieht das natürlich anders aus. Er trifft die richtigen Tasten ohne hinzuschauen, er tüftelt womöglich nur noch an Nuancen – oder besser gesagt: an seinen Schwächen. Daher macht es ihm auch nichts aus, wenn er erfährt, woran er noch arbeiten muss. Und so lassen sich nach Angaben von Finkelstein und Fischbach auch Könner im echten Leben identifizieren: Sie fragen von sich aus viel mehr nach negativem Feedback als Anfänger.

Doch egal ob positiv oder negativ, egal ob bei Laien oder Experten, das Feedback sollte unbedingt konstruktiv sein. Also weder zu anbiedernd und schmeichelhaft – noch spöttisch und verletzend.

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  1. […] nur unser eigenes Verhalten, sondern auch, ob wir andere ermutigen – oder sie durch falsches Feedback demotivieren. Zu diesem Ergebnis kam die Psychologin Aneeta Rattan, die derzeit ihre Doktorarbeit […]

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