Ohne Mitgefühl – Wie Geld den Charakter verdirbt

Sie kennen ja den ollen Spruch: „Geld verdirbt den Charakter.“ US-Forscher haben jetzt einen Beleg für das Klischee gefunden – demnach zeigen Menschen mit mehr Geld weniger Mitgefühl.

Michael Kraus von der Universität von Kalifornien in San Francisco interessierte sich in seiner Studie (.pdf) vor allem für eine Frage: Wie wirkt sich unsere Position in der Gesellschaft auf unser Verhalten aus? Interessieren wir uns weniger für die Gefühle unserer Mitmenschen, je besser es uns finanziell geht? Können wir die Emotionen von anderen umso schlechter nachvollziehen, je höher unser sozialer Status ist? Mit anderen Worten: Verdirbt Geld doch den Charakter? Um diesen Fragen nachzugehen, organisierte Kraus gemeinsam mit zwei Kollegen drei Experimente.

Am ersten nahmen 200 Angestellte einer öffentlichen Universität teil. Kraus teilte sie in zwei Gruppen – jene mit Hochschulabschluss und jene ohne. Dann zeigte er allen Probanden 20 verschiedene Fotos, auf denen eine Person unterschiedliche Emotionen durchlebte. Die Aufgabe der Teilnehmer bestand nun darin, diese Gefühle genau einzuschätzen. Ergebnis: Die Gruppe ohne Hochschulabschluss schlug sich wesentlich besser – deren Mitglieder konnten die Emotionen besser nachvollziehen. Kurzum: Sie waren empathischer.

Für das zweite Experiment gewannen Kraus und seine Kollegen 106 Studenten. Diese nahmen jeweils paarweise an einem fiktiven Bewerbungsgespräch teil. Einer der Wissenschaftler aus Kraus‘ Team stellte den Teilnehmern dann sechs typische Bewerbungsfragen, etwa: „Was sind Ihre größten Stärken und Schwächen?“ Nach dem Interview sollten die Teilnehmer ihre eigenen Gefühle während des Bewerbungsgesprächs schildern und abschätzen, wie sich ihr Versuchspartner währenddessen gefühlt hatte. Wieder war das Resultat gleich: Teilnehmer mit niedrigerem sozialen Status waren wesentlich einfühlsamer.

Im dritten und letzten Experiment manipulierte Kraus die Teilnehmer subtil. 81 Studenten bildeten sich nun für die Dauer des Versuchs ein, dass sie einen niedrigeren sozialen Status hatten als dies im wahren Leben der Fall war. Dann zeigte Kraus ihnen 36 Fotos mit verschiedenen Gesichtern, die mal nervös, mal böse oder verspielt drein schauten. Konnten alle Teilnehmer die Emotionen gleich gut lesen? Mitnichten. Diejenigen Teilnehmer, die Kraus manipuliert hatte, erreichten die besten Punktzahlen. Verblüffend: Offenbar führte die bloße Einbildung, einen niedrigen Sozialstatus zu haben, zu mehr Mitgefühl.

Kraus erklärt sich die Ergebnisse seiner Studie folgendermaßen: Wer zur Unterschicht gehört, verfüge naturgemäß über weniger Geld und Macht. Daher könne er sein Schicksal nicht in die eigenen Hände nehmen, sondern sei von externen Einflüssen abhängig. Diese Abhängigkeit führe dazu, dass er mehr auf andere Menschen achte – und infolgedessen auch mehr Mitgefühl mit ihnen habe.

Der Umkehrschluss: Wer zur Oberschicht gehört, achtet demnach weniger auf seine Mitmenschen. Offenbar verdirbt Geld also doch den Charakter.

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