Gut angelegt – Warum wir unser Geld für Erlebnisse ausgeben sollten

Folgende Situation: Sie müssen sich entscheiden – entweder Sie geben Geld für ein besonderes Erlebnis aus oder für einen Gegenstand. Für Beides reicht Ihr Geld nicht. Was sollten Sie tun?

Emily Rosenzweig stand vor einer schwierigen Entscheidung. Eigentlich wollte die Psychologin und Doktorandin der US-Hochschule Cornell mit ihrem Mann in Urlaub fahren, Mexiko sollte es werden. Doch als sie die Preise für die Reise sah, erschrak sie kurz. Denn gleichzeitig wollten die beiden gerne eine neue Küchenzeile kaufen. Die war schon mehr als 30 Jahre alt, rostete langsam, der Gasherd funktionierte auch nicht mehr einwandfrei. Wie sollte Rosenzweig sich entscheiden? Ferien oder Küche, Erlebnis oder Gegenstand?

Vor solchen Entweder-oder-Fragen stehen viele von uns irgendwann. Psychologen kennen die Antwort: Sie würden Ihnen zum Urlaub raten – und zwar aus mehreren Gründen.

Zum einen gewöhnen wir uns schneller an Gegenstände. Die Küchenzeile wird irgendwann Teil unseres Alltags, doch die Erinnerung an den Urlaub – falls er denn schön war –, bereitet uns noch lange Freude. Zum anderen neigen Menschen dazu, sich ständig mit anderen zu vergleichen – nicht nur im Bezug auf ihr Äußeres, sondern auch auf ihre Besitztümer. Und dabei können wir nur verlieren. Denn es wird immer jemanden geben, der vielleicht eine schönere Küche, ein schöneres Haus oder ein schöneres Auto hat.

Doch Emily Rosenzweig hat in einer noch unveröffentlichten Studie einen weiteren Grund dafür gefunden, warum wir unser Geld eher für Erlebnisse als für Konsumgüter ausgeben sollten: Letztere führen nämlich zu mehr Reue.

In insgesamt fünf Experimenten befragte sie Hunderte von Studenten nach ihren Erfahrungen mit bestimmten Anschaffungen. Vor allem wollte Rosenzweig wissen, ob die Freiwilligen jemals bereut hätten, etwas gekauft zu haben – und ob sie bereut hätten, etwas nicht gekauft zu haben. Und dabei kam heraus: Die Probanden ärgerten sich im Nachhinein meist über materielle Anschaffungen. Anders war es bei Erlebnissen: Hier bereuten die Studenten, etwas nicht gekauft zu haben.

Was wäre wenn

Der psychologische Mechanismus von Reue ist das so genannte kontrafaktische Denken (counterfactual thinking). Vereinfacht gesagt neigen Menschen dazu, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen, und dadurch dem Alltag zu entfliehen. Typisch für diese Denkweise sind die „Was wäre wenn“-Fragen. Dabei gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder imaginieren wir, alles könnte besser sein als die Realität. Etwa: „Wäre ich in ein anderes Hotel gefahren, wäre der Urlaub schöner gewesen.“ Oder aber wir stellen uns vor, dass alles noch hätte schlimmer kommen können. Motto: „Das Hotel nebenan wäre sicher schlimmer gewesen.“

Fakt ist auch: Materielle Anschaffungen führen viel eher dazu, dass wir uns in ein geistiges Schlaraffenland hineinversetzen. Beispiel: „Dieses Auto wäre eigentlich schöner gewesen“ oder „Die Küche hätte uns bestimmt besser gefallen“. Und dadurch sinnieren wir, ob wir uns beim Kauf dieses oder jenes Produkts wirklich richtig entschieden haben – und eben dieses Grübeln macht unglücklich. Bei Erlebnissen ist das Gegenteil der Fall – einfach deshalb, weil sie nicht so austauschbar sind wie Produkte und Gegenstände. „Erfahrungen sind einzigartiger als materielle Besitztümer“, sagt Rosenzweig, „weil es für sie kaum gleichwertigen Ersatz gibt.“

Deshalb entschied sich die Wissenschaftlerin auch für den Mexiko-Urlaub. Eine neue Küche hat sie immer noch nicht gekauft, aber das findet sie halb so schlimm – denn die alte tut’s immerhin noch.

Man bereut eben nur die Dinge, die man nicht getan hat.

Quelle:
Emily Rosenzweig, Thomas Gilovich. Buyer’s remorse or missed opportunity? Differential regrets for material and experiential purchases. In: Journal of Personality and Social Psychology (2012), Band 102, Nummer 2, Seite 215-223.

P.S.:
Das Foto stammt aus meinem privaten Urlaubsarchiv und zeigt den chilenischen Vulkan Osorno – einer der schönsten Orte, die ich jemals gesehen habe.

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