Deep Talk – Warum wir nicht sofort über die Arbeit sprechen sollten (und wie es besser geht)

Viele Gespräche mit Unbekannten beginnen mit derselben Frage: „Und, was machen Sie beruflich?“ Kann man machen, erzeugt beim Gegenüber aber negative Gefühle. Dabei sind gute Einstiege für Deep Talk gar nicht so schwierig.

Bequemlichkeit, Verlegenheit oder einfach Routine? Man weiß nicht genau warum, aber Fakt ist: Viele Gespräche mit Unbekannten beginnen mit derselben Frage: „Und, was machen Sie beruflich?“

Wer einfach nur kurz mit einem Fremden ins Gespräch kommen und unangenehmes Schweigen vermeiden will, kann das natürlich auch weiterhin so machen. Dann darf er (oder sie) sich allerdings nicht darüber wundern, dass aus der oberflächlichen Konversation keine tiefe Freundschaft erwächst.

Denn: Gespräche über die Arbeit bauen beim Gegenüber kein echtes Interesse auf. Ganz im Gegenteil.

So lautet das Fazit einer neuen Studie, die demnächst im Fachjournal „Organizational Behavior and Human Decision Processes“ erscheint.

Sean Martin von der Universität von Virginia teilte in zwei Experimenten mehrere Hundert Personen in Zweiergruppen. Mal handelte es sich um Kollegen, mal um völlig Fremde. Die eine Hälfte sollte das Gespräch sofort auf die Arbeit lenken, die andere nicht.

Martin und seine Mitstreiter zeichneten nun genau auf, welche Wörter die Menschen verwendeten. Außerdem fragten sie im Anschluss alle Freiwilligen, wie sie die Konversation empfunden und ob sie dadurch Lust auf engeren Kontakt mit dem Spielpartner bekommen hatten.

Und siehe da: In den Gesprächen über die Arbeit fielen wesentlich häufiger Begriffe, die im weitesten Sinne leistungsorientiert waren – „Erfolge“, „Herausforderungen“, „Ziele“ und so weiter.

Das brachte das Gespräch zwar in Gang. Allerdings empfanden die Gesprächspartner die Unterredung im Nachhinein als weniger intim und das Gegenüber als ichbezogener und desinteressierter an ihrer Person. Und dadurch wiederum hatten sie weniger Lust, den anderen noch mal wiederzusehen.

Sean Martin vermutet: In der Arbeitswelt geht es nun mal häufig um Konkurrenz und Kompetenz – und weil das jeder weiß, drehen sich Gespräche über berufliche Themen dann auch automatisch um solche Begriffe. Mit der Folge, dass der Gesprächspartner vielleicht Eindruck schindet, aber keine Herzen öffnet.

Wer die Unterhaltung mit Unbekannten also gerne auf das Arbeitsleben lenkt, kommt vielleicht miteinander ins Gespräch. Er muss dann aber damit rechnen, dass beim Gegenüber kein echtes Interesse entsteht.

Wie das besser geht, zeigte bereits im Jahr 1997 der US-Sozialpsychologe Arthur Aron in einer inzwischen legendären Studie. In seinen Experimenten erwies sich eine Liste mit 36 Fragen als besonders geeignet, um bei Unbekannten echtes gegenseitiges Interesse und so etwas wie, nun ja, Intimität aufzubauen.

36 Fragen für den gelungenen Gesprächseinstieg:

1. Mit wem würdest du gerne mal Abendessen?

2. Wärst du gerne berühmt – und wenn ja, wofür?

3. Probst du vor Telefonaten, was du sagen wirst – und warum?

4. Wie sieht dein perfekter Tag aus?

5. Wann hast du zuletzt für dich selbst gesungen? Und wann für jemand anderen?

6. Angenommen, du wirst 90 Jahre alt – würdest du in den letzten 60 Jahren lieber den Geist oder den Körper eines 30-jährigen Menschen haben?

7. Ahnst du insgeheim, wie du mal sterben wirst?

8. Nenne mir drei Dinge, die Du und ich womöglich gemeinsam haben.

9. Wofür bist du am dankbarsten?

10. Was würdest du an deiner Erziehung im Nachhinein gerne ändern?

11. Erzähl mir in vier Minuten deine Lebensgeschichte – so detailliert wie möglich.

12. Wenn du ab morgen eine ganz bestimmte Eigenschaft oder Fähigkeit haben dürftest, welche wäre das?

13. Wenn eine Kristallkugel dir die Wahrheit über dich, dein Leben oder die Zukunft verraten könnte, was würdest du wissen wollen?

14. Was wolltest du immer schon mal tun? Und warum hast du es noch nicht getan?

15. Was ist die größte Errungenschaft deines Lebens?

16. Was schätzt du in einer Freundschaft am meisten?

17. Was ist deine schönste Erinnerung?

18. Und was ist deine schrecklichste Erinnerung?

19. Angenommen du würdest in einem Jahr plötzlich sterben, würdest du dann etwas an deinem jetzigen Leben ändern – und warum?

20. Was bedeutet für dich Freundschaft?

21. Welche Rolle spielen in deinem Leben Liebe und Zuneigung?

22. Lass uns mal schauen, ob wir fünf positive Eigenschaften am anderen entdecken. Du fängst an.

23. Wie eng und herzlich ist deine Familie? War deine Kindheit glücklicher war als die der meisten anderen Menschen?

24. Wie empfindest du die Beziehung zu deiner Mutter?

25. Versuche drei wahre „Wir-Aussagen“. Zum Beispiel: „Wir sind beide in diesem Raum und fühlen uns …“

26. Vervollständige diesen Satz: „Ich wünsche mir jemanden, mit dem ich …“

27. Angenommen wir wären eng befreundet, was müsste ich unbedingt wissen?

28. Was magst du an deinem Partner oder deiner Partnerin besonders?

29. Erzähl mir von einem besonders peinlichen Moment in deinem Leben.

30. Wann hast du zum letzten Mal vor jemand anderem geweint? Und wann alleine?

31. Was magst du an mir besonders?

32. Gibt es Dinge, über die man keine Witze macht?

33. Wenn du heute Abend sterben müsstest, ohne noch mit irgendjemandem sprechen zu können – was würdest hättest du noch gerne gesagt und wem? Und warum hast du es bislang verschwiegen?

34. Dein Zuhause brennt, alle Angehörigen und Haustiere sind gerettet, du kannst noch genau einen Gegenstand retten. Welcher wäre das – und warum?

35. Der Tod welches Familienmitglieds würde dich am allermeisten mitnehmen – und wieso?

36. Ich erzähle dir nun von einem persönlichen Problem – und du sagst mir, wie du damit umgehen würdest.

Zugegeben, manche davon sind für den lockeren Small Talk auf einer Party vielleicht etwas arg intim – aber origineller als Fragen nach dem beruflichen Status sind sie allemal. Und gegen Originalität ist ja eigentlich nichts einzuwenden.

Quelle:
Sean Martin et al (2022). Talking shop: An exploration of how talking about work affects our initial interactions. Organizational Behavior and Human Decision Processes, Band 168

1 Kommentar

  1. Hey, da ich im Vertrieb bin fehlt mir manchmal der Gesprächseinstieg schwer. Mit diesen Leitfaden wird das sicherlich kein Problem werden 🙂 Danke!

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