Alles Evolution – Männermangel beeinflusst die Berufswahl der Frauen

Es klingt zunächst etwas absurd: Laut einer neuen Studie entscheiden sich Frauen eher für eine lukrative Karriere, wenn in der Gesellschaft ein Mangel an Männern herrscht – aus evolutionären Gründen.

Jahrelang kümmerten sich Frauen um Kinder und den Haushalt, doch nun gingen sie plötzlich arbeiten und verdienten ihr eigenes Geld. Die Rede ist nicht vom 20. Jahrhundert, sondern vom Mittelalter. Im späten 12. Jahrhundert machten sich in Europa viele Frauen selbstständig und gründeten Gewerkschaften, die sich für die Rechte von Frauen stark machten.

Diese Phase dauerte zwar nur etwa 100 Jahre, danach rückten Frauen wieder in den Hintergrund. Doch viel bemerkenswerter sind die Umstände der damaligen Emanzipierung: Nach Ansicht von Historikern gab es einen Überschuss an Frauen, und dementsprechend einen Mangel an Männern. Und das wirkte sich auf das Verhalten der Frauen aus. Ein Mechanismus, der auch heute noch funktioniert.

Zahlreiche Faktoren beeinflussen die Berufswahl einer Frau: gesellschaftliche Vorstellungen, ideelle Werte, spezielle Fähigkeiten oder Interessen. Glaubt man einer neuen Studie (.pdf) von Psychologen um Kristina Durante von der Universität von Texas in San Antonio, gibt es noch einen weiteren Faktor: das Verhältnis zwischen Männern und Frauen. Herrscht in einer Gesellschaft ein Mangel an Männern, entscheiden sich Frauen demnach häufiger dafür, Karriere zu machen und einen gut bezahlten Posten zu ergattern.

Zu diesem Ergebnis gelangte Durante in insgesamt vier Studien. Zum einen wertete sie verschiedene Statistiken aller 50 US-Bundesstaaten aus: Das Verhältnis von unverheirateten Männern und Frauen; den Anteil von Frauen in den zehn bestbezahlten Jobs wie etwa Anwalt, Vorstandsvorsitzender oder Apotheker; und wie alt die Frauen im Schnitt bei der Geburt ihres ersten Kindes waren.

Das Ergebnis: Es gab einen deutlichen Zusammenhang zwischen dem Geschlechterverhältnis und dem Anteil von Frauen auf hoch bezahlten Posten. Je weniger Männer in einem Bundesstaat noch zu haben waren, desto mehr Frauen machten dort Karriere. Und: desto weniger Frauen hatten Kinder – die sie außerdem auch noch in höherem Alter zur Welt brachten.

Zugegeben, dabei handelt es sich erstmal nur um einen Zusammenhang (Korrelation), keine Ursache-Wirkungs-Beziehung (Kausalität). Will sagen: Der Mangel an Männern muss nicht der alleinige Grund dafür sein, warum sich die Frauen auf die Karriere konzentrierten. Deshalb konzipierte Durante zum anderen noch weitere Versuche, diesmal im Labor.

Dabei gaukelten sie den weiblichen Freiwilligen durch Fotos oder Zeitungsartikel drei unterschiedliche Situationen vor: Die einen gingen davon aus, dass Frauen in der Bevölkerung eindeutig in der Überzahl waren, die anderen glaubten an eine Überzahl von Männern. Die dritten rechneten mit einem ausgeglichenen Verhältnis.

Danach sollten alle angeben, wie viel Wert sie auf eine eigene Karriere, finanzielle Unabhängigkeit und einen lukrativen Job legten. Und siehe da: Glaubten sie daran, dass sie in der Überzahl waren, war ihnen die eigene Karriere wesentlich wichtiger. Mehr noch: Sie zielten wesentlich häufiger nach einem gut dotierten Posten. Außerdem gingen sie in dieser Situation fest davon aus, dass die Suche nach dem richtigen Partner ziemlich kompliziert werden würde. Offenbar sorgt ein Mangel an Männern beim weiblichen Geschlecht für mehr beruflichen Ehrgeiz.

Kristina Durante erklärt sich das Ergebnis mit der Evolution. Auch im Tierreich sei es zu beobachten, dass weibliche Wesen sich bei akutem Männermangel anders verhalten. Der Hintergrund: Gibt es mehr Weiblein als Männlein, ist nicht für jeden Topf ein sprichwörtlicher Deckel vorhanden – und Frauen bereiten sich darauf vor, für sich selbst sorgen zu müssen.

„Ein Mangel an Männern führt dazu, dass Frauen mehr Wert legen auf Geld und materiellen Erfolg“, sagt Durante. Denn beruflicher Erfolg sichert den eigenen Lebensunterhalt – insbesondere dann, wenn Frauen womöglich ein Leben lang ohne Partner bleiben.

Apropos: Nach Angaben des CIA World Factbooks kommen in Deutschland im Alter von 15 bis 64 auf jede Frau 1,02 Männer. Vielleicht ein weiterer Grund dafür, warum sich Frauen immer noch seltener für eine Karriere entscheiden. Männer sind eben leicht in der Überzahl – für jeden weiblichen Topf gibt es einen männlichen Deckel.

Quelle:
Kristina Durante, Vladas Griskevicius, Jeffry Simpson, Stephanie Cantú und Joshua Tybur (2012). Sex Ratio and Women’s Career Choice: Does a Scarcity of Men Lead Women to Choose Briefcase Over Baby? Journal of Personality and Social Psychology.

[Foto: Victor1558 unter cc-by]

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