Alle Achtung – Ablenkungen fördern die Konzentration

Haben Sie bei wichtigen Aufgaben auch öfter mal die Aufmerksamkeitsspanne eines Eichhörnchens? Können Sie sich kaum konzentrieren? Dann haben zwei US-Forscher einen überraschenden Tipp: Lenken Sie sich ab.

Sie kennen das sicher: Etwas zu wollen ist eine Sache – es tatsächlich zu tun etwas völlig anderes. Psychologen haben dafür einen Fachbegriff: Volition.

Seinen Ursprung hat das Wort im lateinischen Wort „voluntas“ (Wille). Wissenschaftler verstehen unter Volition die Entschlossenheit, unsere Vorhaben und Ziele auch wirklich in die Tat umzusetzen. Und das ist schwieriger als es klingt. Echte Willenskraft beinhaltet nämlich verschiedene Fähigkeiten, und zwar:
– Aufmerksamkeitskontrolle. Willensstarke Personen fokussieren sich beharrlich auf ein Ziel – und lassen sich nicht ablenken, bis sie es erreicht haben.
– Emotionskontrolle. Frust oder Wut sind für Tatendrang äußerst kontraproduktiv. Menschen mit hoher Volition wissen genau, wie sie solche Gefühle zähmen können.
– Misserfolgsbewältigung. Rückschläge sind normal, durfen uns aber nicht aus der Bahn werfen.
– Motivationskontrolle. Irgendwann lässt das Durchhaltevermögen zwangsläufig nach – dann gilt es, sich durch selbst gesetzte Anreize weiter anzutreiben.
– Umweltkontrolle. Wer besonders willensstark ist, achtet auch auf seine Arbeitsumgebung. Dazu gehört etwa, bei Bedarf sämtliche Störquellen wie Handys oder E-Mailprogramme abzuschalten.

Jeder Mensch beherrscht diese Fähigkeiten unterschiedlich gut. Eins ist uns jedoch gemein: Am häufigsten hapert es beim Punkt Aufmerksamkeitskontrolle. Männern wie Frauen fällt es am schwersten, sich während einer wichtigen Tätigkeit nicht ablenken zu lassen.

Glaubt man Alejandro Lleras und Atsunori Ariga von der Universität von Illinois, dann sind gelegentliche Zerstreuungen jedoch gar nicht mal schlecht. In einer neuen Studie ließen sie 84 Freiwillige 50 Minuten lang eine Aufgabe am Computer bearbeiten. Vorher teilten sie die Teilnehmer in vier Gruppen.

Die erste sollte vor der eigentlichen Aufgabe vier Zahlen memorieren. Diese Zahlen erschienen dann wahrend der Aufgabe zwei Mal auf dem Monitor, genau dann sollten die Probanden eine Taste drücken. Die zweite Gruppe sollte sich zwar ebenfalls die Zahlen merken, sah sie im Anschluss aber nicht auf dem Bildschirm. Die dritte sah zwar die Zahlen, wusste vorher aber von nichts und die vierte bearbeitete einfach die Aufgabe.

Hinterher werteten die Wissenschaftler die Leistung aller Teilnehmer aus. Und siehe da: Alle Probanden ließen mit der Zeit messbar nach – außer den Mitgliedern der ersten Gruppe. Ihre Aufmerksamkeit wurde nicht weniger, sondern blieb konstant.

Offenbar halfen die kurzen Ablenkungen dabei, konzentriert bei der Sache zu bleiben. Lleras glaubt, dass Aufmerksamkeit keineswegs eine begrenzte Ressource ist – sondern dass sie bloß nicht immer vollständig auf die aktuelle Tätigkeit gerichtet ist.

Das Ausmaß kennt jeder. Wir wissen genau, dass der Abgabetermin für die wichtige Präsentation näher rückt, und surfen trotzdem lieber ziellos durchs Internet. Wir müssen eigentlich längst die Konferenz mit Geschäftspartnern vorbereiten, und finden doch immer noch etwas vermeintlich Wichtigeres zu tun. Der Fachbegriff dafür: Prokrastination, zu Deutsch: Aufschieberitis. Ein weit verbreitetes Phänomen – ganz gleich, ob bei jungen Absolventen oder erfahrenen Managern.

Die Arbeit endet so unnötigerweise im Stress. Mit mehr Willenskraft könnten wir uns die Hektik ersparen. Mehr noch: Volition ist sogar ein Karrierefaktor. „Was alle Erfolgreichen miteinander verbindet, ist die Fähigkeit, den Graben zwischen Entschluss und Ausführung äußerst schmal zu halten“, sagte einst der berühmte US-Ökonom Peter Drucker.

Inzwischen haben Forscher herausgefunden: Volition ist keine gottgegebene Eigenschaft, die der eine hat und der andere nicht. Vielmehr funktioniert Willenskraft ähnlich wie ein Muskel. Regelmäßiges Training kann sie stärken – und Rasten führt zum Rosten.

Fünf Tipps für mehr Tatendrang

Erfolg vergewissern: Der kanadische Psychologe Albert Bandura fand heraus, dass wir Aufgaben tatsächlich besser lösen, wenn wir uns das vorher selbst einreden. Falls Ihnen positives Feedback schwer fällt, erinnern Sie sich an Ihre Erfolge. Was ist Ihnen in der Vergangenheit gut gelungen? Wo liegen Ihre Stärken? Und wann können Sie diese optimal einsetzen?

Druck aufbauen: Surfen Sie oft durchs Internet, anstatt sich zu konzentrieren? Stellen Sie sich einfach das Worst-Case-Szenario vor – Scheitern auf ganzer Linie. Tragen Sie in einer Tabelle das Projekt ein, daneben die wichtigen Bezugspersonen sowie zu erwartende Konsequenzen. Beispiel: Sie versagen bei der Akquise, Ihr Chef ist enttäuscht, die Karriere vorerst gestoppt. Keine schöne Vorstellung? Eben. Also an die Arbeit!

Fantasie nutzen: Vor allem ehrgeizige Menschen plagen häufig Versagensängste. Abhilfe schaffen positive Fantasien – vor allem, wenn unangenehme Aufgaben anstehen. Schließen Sie die Augen und malen Sie sich aus, Sie hätten Projekt X oder Präsentation Y bereits hinter sich gebracht. Denken Sie aber auch daran, was Sie bis dahin noch erledigen müssen.

Stress reduzieren: Selbst Menschen mit dem Ruhepuls eines Triathleten geraten bisweilen in emotionale Schieflage. Ärger, Wut oder Zorn sind Gift für die Willenskraft. In harmlosen Fällen kann es helfen, bei netten Kollegen rhetorischen Dampf abzulassen. Sitzt der Stachel tiefer, versuchen Sie es mit Atemübungen oder einem kurzen Spaziergang.

Ziele setzen: Klingt banal, ist es aber nicht. Orientieren Sie sich am Akronym SMART: Demnach müssen Ziele spezifisch, messbar, erreichbar („attainable“), realistisch und zeitlich fixiert („timely“) sein. „Ich will gesünder leben“ ist daher kein gutes Ziel, besser: „Ich will jeden zweiten Tag 30 Minuten joggen!“

[via wissenschaft.de]

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