Kindheitsamnesie – Ab wann erinnern wir uns?

Erinnern Sie sich an Ereignisse vor Ihrem vierten Lebensjahr? Vermutlich nicht. Dieses Phänomen nennen Wissenschaftler Kindheitsamnesie. Und laut einer neuen Studie wird sie erheblich von unseren Müttern beeinflusst.

KindheitsamnesieSeitdem mein neues Buch erschienen ist, werde ich öfters gefragt, was mich bei der Recherche besonders faszinierte. Ich antworte häufig mit einer Gegenfrage: Haben Sie schon mal von der Kindheitsamnesie gehört? Meistens lautet die Antwort: nein.

Hand aufs Herz: Erinnern Sie sich an Erlebnisse vor Ihrem vierten Lebensjahr? Überlegen Sie ruhig ein paar Minuten. Ihnen wird nicht allzu viel einfallen. Typisch Kindheitsamnesie. So bezeichnen Psychologen das Phänomen, dass Erwachsene sich an so gut wie nichts erinnern, das vor ihrem vierten Lebensjahr passiert ist.

Forscher beschäftigen sich damit schon seit mehr als einem Jahrhundert. 1895 erkundigte sich die Psychologin Caroline Miles bei 89 Personen nach ihrer frühesten Erinnerung: Im Schnitt waren die Befragten damals drei Jahre alt. Ihre Kollegen Victor und Catherine Henri kamen 1898 zum gleichen Resultat.

Ähnlich erging es dem Gedächtnisforscher David Rubin, als er im Jahr 2000 mehr als 11.000 Erinnerungen vor dem zehnten Lebensjahr analysierte: Egal ob bei Männern oder Frauen, nur ein Prozent bezog sich auf ein Ereignis vor dem dritten Lebensjahr.

Es ist irgendwie seltsam: Als Kind lernen wir wichtige Fähigkeiten, die wir nie wieder vergessen. Wir fangen an zu gehen, zu reden und können Gesichter erkennen. Wir entwickeln einen Sinn für Gerechtigkeit und die Fähigkeit zur Hilfsbereitschaft.

Aber warum erinnern wir uns nicht bewusst daran?

Sigmund Freud war der Meinung, dass wir kindliche Erinnerungen unterdrücken. Babys und Kleinkinder hielt er für „polymorph pervers“. Ständig lutschten sie am Daumen oder hätten Freude am Stuhlgang. Diesen frühen sexuellen Impulsen wollen wir laut Freud als Erwachsene aus dem Weg gehen, weil wir uns im Nachhinein für sie schämen. Deshalb verdrängen wir sie.

Diese These gilt inzwischen als überholt. Stattdessen begründen Wissenschaftler die Kindheitsamnesie mit neurologischen und psychologischen Gegebenheiten.

Manche vermuten, dass sich die Gehirnareale für Erinnerungen erst später entwickeln. Für das Gedächtnis brauchen wir den Hippocampus. Inzwischen weiß man: Ein Teil von ihm, der Gyrus dentatus, ist bei Menschen erst mit vier oder fünf Jahren voll entwickelt. Und ohne voll funktionstüchtigen Hippocampus gibt es keine Langzeiterinnerungen.

Eine andere Erklärung für die Kindheitsamnesie ist mangelndes Sprachvermögen. Kleine Kinder können frühe Erfahrungen noch nicht in Worte zu fassen. Und dadurch, so das Kalkül, prägen sich diese Erfahrungen nicht ein. Diese These erhält nun neue Unterstützung.

Ein Besuch im Zoo

Patricia Bauer und Marina Larkina von der Emory Universität gewannen für ihre Studie 81 Kinder und ihre Eltern. Bei der ersten Sitzung waren die Kleinen etwa drei Jahre alt. Die Eltern sollten nun mit ihnen über Erlebnisse der Vergangenheit sprechen – ein Besuch im Zoo, ein Campingurlaub oder ein Besuch bei Verwandten.

In den folgenden Jahren kamen die Kinder mit ihren Eltern an verschiedenen Zeitpunkten wieder ins Labor. Mal waren sie fünf Jahre alt, mal sechs, sieben, acht oder neun. Nun erkundigten sich die Wissenschaftlerinnen nach jenen Erlebnissen, über die die Kinder Jahre zuvor mit ihren Eltern gesprochen hatten. Konnten sie sich noch an Details erinnern? Wenn ja, an welche – und wie viele?

Das Ergebnis: Im Alter zwischen fünf und sieben Jahren erinnerten sich die Kinder noch an etwa 60 Prozent der Ereignisse vor dem dritten Lebensjahr. Die Achtjährigen hatten nur noch 37 Prozent der Erlebnisse im Kopf. Und die Neunjährigen wussten nur noch von 25 Prozent.

Offenbar ist es also doch möglich, dass sich Erinnerungen vor dem dritten Lebensjahr einprägen – wenngleich unklar bleibt, ob sich die Kinder auch als Erwachsene noch daran erinnern werden.

Doch Bauer und Larkina entdeckten noch etwas anderes. Die Mütter konnten das Erinnerungsvermögen erheblich beeinflussen – und zwar durch die Art, wie sie mit den Kindern redeten.

Wenn sie ihnen bei der ersten Sitzung gut zusprachen („gut gemacht“), das Gesagte wiederholten, offene Fragen stellten („Was ist da passiert?“) und um Bestätigung baten („Es war kalt, nicht wahr?“), konnten sich die Kinder Jahre später an mehr erinnern. Vermutlich deshalb, weil sie das Erlebte stärker in eigene Worte packten.

Was mich nun interessiert: Was ist Ihre früheste Erinnerung – und wie alt waren Sie damals?

Quelle:
Patricia Bauer und Marina Larkina (2013). The onset of childhood amnesia in childhood: A prospective investigation of the course and determinants of forgetting of early-life events, Memory

[Foto: MNStudio / Shutterstock.com]

 

Kommentare

  1. Ich erinner mich an Vorkommnisse ab etwa 1 1/2Jahre.Diese Ereignisse verfolgen mich jetzt seit 50 Jahren. Mir wurde früher gesagt das stimmt alles nicht.Leider doch eine Cousine hat es mir nach all den Jahren bestätigt.

  2. Ich erinner mich aus viele dinge aus dem kindergarten oft sind es die erlebnise wo mich schockiert oder die ich als besonders fand in meiner kindheit war ein zwischenfall der auch sehr prägend war
    Meine mutter meinten das auch neurologische tests mit mir gemacht worden ob ich von einen schaden /schock erlitten hab…

    Jedoch hab ich die erinnerungen anders im kopf wie heutige erinnerungen irgendwie in einer anderen perspektive ich geh von aus weil man als kind andere dinge wahrnimmt wie ein erwachsener der logisch und sachlich denkt

    Auch ist mir aufgefallen wenn ich bilder seh wie eine art dejavu zu haben wie ich bei der alten dame auf dem schoß saß was ich erlebt habe das es so fetzen artig wieder in neinen kopf kommt

    Ich weis nicht ob das vill nur einbildung ist aber es kommt doch sehr real rüber

  3. Meine beiden frühesten Erinnerungen hatte ich mit ca. zweieinhalb:

    Einmal lief ich wütend oder traurig im Kreis, dann pinkelte ich auf den Boden, und da dachte ich: „Jetzt pullere ich.“ Ich kann mich an keinerlei besonderes Gefühl bei diesem Gedanken erinnern, aber ich glaube, es war das erste Mal, daß es mir bewußt wurde.

    Das andere Mal umarmten sich meine Eltern, und ich versuchte von unten, ihre Beine auseinander zu bringen. Ich weiß noch, daß ein großer Schrank im Hintergrund stand. Ich weiß nicht, was ich gedacht oder gefühlt habe, vermutlich war ich eifersüchtig.

    Meine erste zusammenhängende (längere) Erinnerung, die auch differenziert ist, hatte ich auch erst mit vier Jahren. Die nächsten auch erst mit 5 und 6 Jahren.

    Ich erinnere mich an eine sich widerholende, aber nicht zeitlich datierbare Empfindung, daß meine Hände bei einer Berührung ganz klein erscheinen und alles andere unnatürlich groß.

  4. Ich erinnere mich an meine Taufe und den dazugehörigen Besuch meines Opas, da war ich 2 Jahre alt.
    Ich erinnere nicht alles, aber mein Rüschenkleid, weil das so „piekte“, und an einen Spaziergang mit meinem Opa, der sehr gebeugt ging, weil er die Bechterewsche Krankheit hatte, und ich sehr betrübt war, dass er die Vögel am Himmel nicht sehen konnte.

  5. Ich erinnere mich noch daran, als ich mit 3 Jahren in den Kindergarten gekommen bin und zwar an sehr viele Details und wie das abgelaufen ist. War eben auch sehr aufregend.

    Noch älter ist eine Erinnerung, als meine Schwester in den Kindergarten gegangen ist. Sie ist 3 Jahre älter als ich und wie ich mit Anfang 6 in die Schule gekommen. Demnach müsste ich ca. 2 Jahre alt gewesen sein zu dieser Erinnerung.

  6. Günter Bartsch says:

    Ich war ungefähr ein halbes Jahr alt, als ich in der Leistengegend operiert wurde. Nichts Dramatisches, aber eine Narbe erinnert noch heute daran, sie wuchs mit mir und ist heute gut zehn Zentimeter lang. Und ich selbst glaube mich zu erinnern, dass ich einen starken Schmerz spürte, als mich nach der Operation jemand aus dem Bett nahm. Ich habe die Situation relativ klar vor Augen. Das es wehtat, ist gut möglich – dass ich mich daran tatsächlich erinnern kann, ziemlich unwahrscheinlich, oder?

  7. Ein spannendes Thema.
    Ich bin bis heute überzeugt, dass ich mich an eine Begebenheit vor meinem 1. Geburtstag erinnere; als mein Vater mit mir am Strand war und die Luft warf, während ein anderer kleiner Junge (etwa 3?) daneben stand. ich habe erst sehr viel später das Foto von dem Moment im Fotoalbum gefunden.

  8. Daniel Rettig says:

    @Christian: Nostalgie? 😉

  9. Christian Deysson says:

    … In den Maschinenraum sehen, wo die gewaltigen Kolben schieben und schweißtreibende Männer die Teile ölen und Kohle (ja, Kohle!) schippen. Das war anno 1951, ich war 5 Jahre alt. Seither jage ich in der Welt jedem Raddampfer hinterher. Die Faszination lässt mich nicht mehr los…

  10. Christian Deysson says:

    Früheste Erinnerung: Raddampferfahrt auf der uralten „Stadt Bregenz“ (der inzwischen leider verschrotteten Vorgängerin der heutigen Ms Bregenz) im Regen von Hagnau nach Friedrichshafen. Der greise Dämpfer ächzt und stößt, durch ein großes quadratisches Loch kann man

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