Im Zwiespalt – Warum fallen leichte Entscheidungen schwer?

„Wer gar zu viel bedenkt, wird wenig leisten“, wusste schon der deutsche Dichter Friedrich Schiller. Leider halten wir uns im Alltag selten daran. Wieso fallen uns selbst leichte Entscheidungen so schwer? Zwei US-Wissenschaftler wissen warum.

Die Welt ist furchtbar komplex. Pro Tag treffen wir etwa 20.000 Entscheidungen, hat der Hirnforscher Ernst Pöppel mal ausgerechnet. Zugegeben, die meisten davon sind eher banal: Lieber die Zahnbürste mit weichen oder harten Borsten? Im Urlaub besser an den Strand oder in die Berge? Die Wände eher tapezieren oder nur streichen? Genau genommen wird die Antwort auf solche Fragen unser Leben nicht nachhaltig verändern. Demnach erscheint es eigentlich logisch, dass wir uns nur bei Entscheidungen mit größerer Tragweite stärker den Kopf zerbrechen – um möglichst richtig zu handeln. Und wenn wir uns mal festgelegt haben, sind die Auswirkungen durchaus positiv, denn Psychologen wissen: Entscheidungen machen glücklich.

Dennoch fallen uns auch leichte Entscheidungen schwer – zumindest empfinden wir es so. Wir erstellen Pro- und Contra-Listen, wägen Vor- und Nachteile ab, befragen Freunde und Verwandte – mit negativen Folgen, denn Grübeln macht unglücklich. Aber warum tun wir uns mit banalen Entscheidungen so schwer? Eine Frage, auf die die beiden US-Wissenschaftler Aner Sela (Universität von Florida) und Jonah Berger (Wharton Business School) eine Antwort gefunden haben.

Im Zwiespalt

In einer noch unveröffentlichten Studie (.pdf), die im August im „Journal of Consumer Research“ erscheinen wird, stellten sie Hunderte von Probanden in insgesamt vier Experimenten vor verschiedene Optionen. In einem sollten 106 Personen mit einem Durchschnittsalter von 28 Jahren zwischen zwei Aufgaben wählen. Doch vorab wurden sie in zwei Gruppen geteilt. Die einen gingen davon aus, dass sie ihren Entschluss nicht mehr rückgängig machen konnten. Den anderen wurde mitgeteilt, dass sie ihre Entscheidung noch mal revidieren durften.

Die zwei Aufgaben unterschieden sich im Schwierigkeitsgrad. Bei der komplizierten Aufgabe mussten sie sich eine von vier Möglichkeiten aussuchen. Keine der vier war wirklich besser als die anderen, jede hatte ihre Vor- und Nachteile. Bei der einfachen Aufgabe mussten sich die Teilnehmer lediglich zwischen zwei Optionen entscheiden. Entweder sie verdienten mit einer lustigen, fünf Minuten währenden Aufgabe drei Dollar Stundenlohn – oder sie bekamen für 15 Minuten Langeweile nur 1,50 Dollar pro Stunde. Kein Wunder: Alle entschieden sich für die erste Aufgabe.

Doch viel interessanter war, wie lange die Probanden brauchten: Entscheidend war nicht die Aufgabe an sich – sondern ob die Teilnehmer davon ausgingen, dass sie ihre Wahl noch mal revidieren konnten. Wenn sie davon ausgingen, dass sie sich noch mal umentscheiden durften, brauchten sie doppelt so lange – obwohl der Unterschied zwischen den Optionen nicht allzu groß war. Mit anderen Worten: Die Entscheidung war von geringer Bedeutung – dennoch haderten die Probanden umso länger mit sich.

In den weiteren Versuchen war es ähnlich. In einem Experiment sollten sich 264 Freiwillige einen Flug aussuchen. Die eine Hälfte bekam die Aufgabenstellung in großen und gut leserlichen Buchstaben serviert. Bei der anderen Hälfte war die Aufgabe in kleiner, schwer lesbarer Schrift gehalten. Wenig überraschend: Letztere brauchten zwar länger, weil sie zuerst die Buchstaben entziffern mussten. Doch diese kleine Hürde legte gewissermaßen den geistigen Schalter um: Selbst wenn ihnen klar war, dass die Entscheidung im Grunde unwichtig war, benötigten sie nun etwa 50 Prozent länger.

Dafür verantwortlich ist laut Sela und Berger eine Art Verzerrung: Wir erwarten, dass eine Entscheidung im Grunde unwichtig sein wird, doch plötzlich sehen wir uns mit verschiedenen Optionen konfrontiert. Doch anstatt schnell zu entscheiden, verwechseln wir die Wahlmöglichkeiten und Informationsflut mit Wichtigkeit. Und dadurch entschließt sich unser Gehirn gewissermaßen dazu, einer Entscheidung viel Zeit und Aufmerksamkeit zu widmen – obwohl das streng genommen gar nicht notwendig ist. Die Konsequenz: Aus der gedanklichen Mücke wird der sprichwörtliche Elefant.

Drei Methoden für schnellere Entscheidungen:

1. Ein Zeitlimit setzen. („In fünf Minuten werde ich mich entschieden haben.“)

2. Die Entscheidung delegieren. Das ist zumindest bei banalen Angelegenheiten machbar.

3. Eine Auszeit nehmen. Dadurch verhindern wir, uns in Details zu verlieren. Sonst sehen wir den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr – aber genau das ist für eine gute Entscheidung nie verkehrt.

Quelle:
Aner Sela, Jonah Berger (2012). Decision Quicksand: How Trivial Choices Suck Us In. Journal Of Consumer Research, Band 39.

[Foto: striatic unter cc-by]

Kommentare

  1. Sehr interessanter Artikel. Danke dafür. Ich benötigte kaum einer Überlegung um diesen Kommentar zu Posten. 🙂

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