Multitasking-Studie – Wir lassen uns freiwillig ablenken

SMS schreiben beim Fernsehgucken, E-Mails lesen beim Telefonieren, Herumsurfen beim Spaziergang – verführen uns die neuen Medien zum Multitasking? Von wegen, resümieren jetzt US-Wissenschaftler – stattdessen lassen wir uns freiwillig ablenken.

Bereits seit Jahren warnen Arbeitspsychologen und Neurowissenschaftler vor den Gefahren des Multitaskings. Erst kürzlich bewiesen italienische Wissenschaftler um Decio Coviello von der Universität von Rom, dass Richter, die mehrere Aufgaben gleichzeitig erledigten, keineswegs produktiver waren. Ganz im Gegenteil. Die Untersuchung (.pdf) zeigte: Je mehr sie zeitgleich auf dem Schreibtisch hatten, desto länger brauchten die Juristen für jedes einzelne Verfahren – desto stärker gerieten sie mit ihrer Arbeit in Rückstand.

Nun wäre es leicht, die Schuld für die ständige Ablenkung den neuen Medien in die Schuhe zu schieben. Hier klingelt das Handy, dort kommt eine neue E-Mail an, permanent gibt es etwas Neues auf Plattformen wie Facebook und Twitter. Glaubt man jedoch Adam Brasel und James Gips, Professoren an der Carroll School of Management, dann sind für unsere konstante Zerstreuuung allerdings keineswegs die neuen Formen von Soft- und Hardware verantwortlich. Vielmehr geschieht Multitasking völlig freiwillig.

Brasel und Gips setzten für ihre Studie (.pdf) 42 Freiwillige mit einem Durchschnittsalter von 33 Jahren in einen Raum. An jedem Platz hatten sie zuvor einen Laptop gestellt, der bereits mit dem Internet verbunden war. Etwa einen Meter vor den Probanden stand zudem ein Flachbildfernseher, die Fernbedienung lag auf dem Tisch.

Nun konnten die Teilnehmer 30 Minuten tun und lassen, was sie wollten. Sie durften jede beliebige Website ansteuern oder sich durch die 59 verfügbaren Fernsehsender zappen. Die Wissenschaftler filmten derweil mit Spezialkameras die Blicke der Probanden.

Drei interessante Erkenntnisse förderte die anschließende Analyse zutage:
1. Die Teilnehmer fanden Computer und Fernsehprogramm zwar ähnlich interessant, schenkten dem Internet wesentlich mehr Aufmerksamkeit – im Schnitt verbrachten sie hiermit knapp 70 Prozent ihrer Zeit und nur etwa 30 Prozent mit der Glotze.
2. Obwohl dazu streng genommen kein Anlass bestand, wechselten die Teilnehmer ständig zwischen den Geräten. In der knappen halben Stunde sprangen ihre Augen im Schnitt 120 Mal hin und her! Das überraschte selbst die Teilnehmer – sie hatten geschätzt, dass ihre Augen nur ganze 15 Mal zwischen Monitor und TV gewechselt waren.
3. Die Blickwechsel erfolgten blitzschnell hintereinander. Schauten sie auf den Fernseher, dauerten die meisten Blicke weniger als 1,5 Sekunden. Dem Laptop schenkten sie überwiegend maximal zehn Sekunden ihrer Aufmerksamkeit.

„Sobald Menschen sich auf mehrere Medien gleichzeitig konzentrieren wollen, springen sie in atemberaubender Geschwindigkeit vor und zurück“, sagt Brasel, „und dieser Verhaltensweise sind wir uns noch nicht mal bewusst.“

Jetzt würde mich natürlich Ihre Meinung interessieren: Lassen Sie sich auch so leicht ablenken? Verdaddeln Sie häufig Zeit im Netz? Wie schützen Sie sich vor der Multitasking-Falle?

39 Kommentare

  1. @Ramin: ich würde sogar noch weitergehen und sagen: wenn wir wissen, WAS wir tun wollen und Prio Nummer 1 hat, dann wird alles andere zwangsläufig effektiv. Ist ja immer eine Frage danach, an welche Wand man seine Leiter stellt…

    Liebe Grüße,
    Michael

  2. Neue Medien und Technologien machen es einfacher, und erfüllen unseren Wunsch nach Ablenkungen schneller als alte Medien das konnten – aber verantwortlich sind wir dafür selbst.
    Wenn ich nicht ganz gezielt ein Setting habe, wo ich sage: ich mache jetzt das, ja, dann komme ich auch vom hundersten ins tausendste. Deshalb finde ich es wichtig, dass wir lernen wie wir effektiv arbeiten 🙂

  3. Hallo Daniel,

    sorry, dass ich schon wieder meinen Senf dazu gebe, aber die Themen sind einfach zu interessant, als sie „nur“ über twitter weiterzuleiten… 😉

    Ich denke, dass wir letztlich immer die Entscheidung haben, uns diesen Ablenkungen auszusetzen oder eben nicht. Jeder kann sein Handy ausstellen, sein Telefon ausstöpseln, die Internetverbindung kappen – wenn er denn will.

    Die Macht der Gewohnheit und wahrscheinlich auch der Drang, „nichts zu verpassen“ (was ja unmöglich ist), führen uns ja oft in dieses Datensammeln, Aufmerksamkeit-Verteilen und Multitasken.

    Was mich interessieren würde, käme aus einer eher marketingtechnischen Ecke bzw. hätte ich einen anderen Erklärungsansatz: kann es nicht auch sein, dass alleine Bewegungen auf dem jeweils anderen Medium die Augenbewegungen veranlasst haben? So wie auch ein sich bewegender Banner viel mehr Aufmerksamkeit und Augensakkaden hervorruft als ein statischer Banner?

    Trotzdem denke ich, dass gerade das Gefühl der Zugehörigkeit auch stark dazu beiträgt, sich so viel auf diesen Medien zu tummeln und auch beizutragen.

    Aber das ist wahrscheinlich nur ein Miniteil des großen Ganzen 😉
    Grüße,
    Michael

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