Mach langsam – Verzögerung steigert den Genuss

Eine neue Studie liefert einen Appell für mehr Muße und Ruhe. Demnach genießen wir Dinge nicht nur umso stärker, wenn wir ihren Verzehr verzögern – wir haben auch länger etwas davon.

Der Musikfan, der sein neues Lieblingslied in Dauerschleife hört – und es plötzlich nicht mehr ertragen kann. Die Naschkatze, die ständig dieselbe Schokolade isst – bis sie sie eines Tages leid ist. Oder der Verliebte, der seinen neuen Schwarm zuerst in jeder freien Minute sehen will – und sich bald fragt, ob ein bisschen Distanz nicht doch ganz gut wäre. So unterschiedlich die Fälle auch sind, eines haben sie gemeinsam: Alle leiden unter den Konsequenzen übermäßigen Konsums.

Egal ob man das nun Anpassung, Gewohnheit, Routine oder Sättigung nennt, der Mechanismus ist derselbe: Wer einer Person oder einer Sache wiederholt und über einen längeren Zeitraum ausgesetzt ist, verliert irgendwann den Spaß an ihr. Der Reiz verliert seinen Reiz. Aber warum ist das so? Und lässt sich etwas dagegen unternehmen?

Eine Antwort sucht Jeff Galak, Assistenzprofessor an der Carnegie Mellon Universität, schon seit einiger Zeit. Denn der Marketingforscher arbeitet gerade an seiner Doktorarbeit. Einen Auszug seiner bisherigen Recherche hat er jetzt in eine Studie gepackt, die einer kommenden Ausgabe des Fachmagazins „Journal of Consumer Research“ erscheinen wird. Und darin hat er tatsächlich Antworten darauf gefunden, warum wir auf den Gewöhnungseffekt hereinfallen – und wie wir ihn bekämpfen können.

Freiwillige Hektik

Das Kernproblem ist laut Galak: Eigentlich sollten wir den Konsum dosieren, egal ob bei Lieblingsliedern, Lieblingsessen oder Lieblingsmenschen – um uns länger daran zu erfreuen. Doch seine Studie zeigt: Die meisten Menschen neigen dazu, schöne Dinge zu schnell genießen zu wollen. Und zwar völlig freiwillig. Mit der Konsequenz, dass sie sie umso schneller wieder leid sind. Die Lösung ist denkbar simpel: „Wer langsamer konsumiert, wirkt der Sättigung entgegen“, sagt Galak.

Zu diesem Ergebnis gelangte er in insgesamt vier Experimenten. Bei einem davon sollten 45 Studenten 20 Minuten lang Zeichentrickfilme schauen und gleichzeitig verschiedene Pralinen testen. Der einen Hälfte teilte ein Computer automatisch mit, wann sie die Süßigkeiten in den Mund stecken sollten – und zwar im Abstand von 200 Sekunden. Die andere Hälfte konnte den Zeitpunkt des Verzehrs selbst wählen. Allerdings wies Galak sie vorher an, dass sie die Pralinen so essen sollten, dass sie den Verzehr möglichst stark genießen konnten.

Man könnte nun davon ausgingen, dass sich die Freiwilligen Zeit ließen und sich die Schokolade buchstäblich auf der Zunge zergehen ließen. Denkste. Im Schnitt steckten sie sich alle 93 Sekunden eine in den Mund – sie mampften die Pralinen also mehr als doppelt so schnell. Und das, obwohl sie genau wussten, dass sie das 20-minütige Video auf jeden Fall zu Ende schauen mussten. Will sagen: Sie hatten keine Vorteile vom schnellen Konsum. Ganz im Gegenteil.

Als Balak alle Freiwilligen hinterher fragte, ob ihnen die Pralinen geschmeckt hatten, zeigte sich: Jene mit fixem zeitlichen Abstand fanden sie insgesamt wesentlich leckerer. Mehr noch: Wer den Verzehr selbst bestimmen konnte, schadete sich gewissermaßen selbst – denn bei ihm sank das Vergnügen wesentlich schneller.

Bei einem weiteren Versuch ließ der Wissenschaftler die Probanden ein Videospiel daddeln. Das Resultat war ähnlich: Wer zu längeren Pausen gezwungen wurde, fand den Versuch amüsanter als jene, die sich die Dauer der Unterbrechungen selbst aussuchen konnten – vermutlich auch deshalb, weil Letztere sich aus eigenen Stücken für wesentlich kürzere Pausen entschieden. „Die meisten Menschen wissen nicht, dass längere Pausen zwischen dem Verzehr den Prozess der Sättigung verlangsamen“, resümiert Balak.

Was er empfiehlt? Vor allem sollte man sich selbst immer wieder daran erinnern, dass schneller Verzehr zu ebenso schneller Abnutzung führt. Zugegeben, eine nicht gerade sensationelle Erkenntnis – aber eine, die man trotzdem nicht oft genug betonen kann. Wer länger genießt, zehrt auch länger davon. Morgen ist eben auch noch ein Tag.

Quelle:
Jeff Galak, Justin Kruger und George Loewenstein (2012). Slow Down! Insensitivity to Rate of Consumption Leads to Avoidable Satiation. Journal of Consumer Research.

1 Kommentar

Hinterlasse einen Kommentar.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert