Gefährlicher Irrtum – Macht Facebook unzufrieden?

Wer bei Facebook zu viele Unbekannte als Freund hinzufügt, riskiert seine seelische Gesundheit – weil wir fälschlicherweise davon ausgehen, dass unsere Kontakte ein glücklicheres Leben führen. Und das macht uns unglücklich.

Man braucht schon eine XXL-Portion Selbstbewusstsein, um auf die Meinung anderer Personen völlig zu pfeifen. So viel Eigenliebe bringt kaum ein Mensch auf, und wenn doch, dann hält er sich schnell für den Größten – und das ist ja auch eher unsympathisch. Nein, die meisten Menschen legen Wert darauf, was andere von ihnen halten – und wollen dieses Bild bewusst zu ihren Gunsten steuern.

Das funktioniert bei Facebook natürlich anders als im vermeintlich „wahren“ Leben: In dem sozialen Netzwerk denkt man darüber nach, wen man als Freund hinzufügt (Chef und Ex-Freundin – ja oder nein?), in welchem Duktus man die Statusupdates formuliert (Fremd- und Schimpfwörter – ja oder nein?) oder welche Angaben man in seinem Profil veröffentlicht (Single oder vergeben?). Der Sinn der Sache: Man will seinen Freunden und Bekannten gefallen. Oder zumindest irgendein Image transportieren, sei es als Casanova, Klassenclown oder Küchenphilosoph.

Das Problem ist nur: Unsere Freunde und Bekannten verfolgen dieselbe Strategie – und das wiederum kann sich negativ auf uns auswirken. Häufiges Facebooken kann nämlich unglücklich machen.

Zu diesem Ergebnis kommen Grace Chou und Nicholas Edge von der Utah Valley Universität in einer neuen Studie, die in einer kommenden Ausgabe des Fachjournals „Cyberpsychology, Behavior, and Social Networking“ erscheinen wird. 425 Studenten füllten dafür einen umfangreichen Fragebogen aus, der verschiedene Aspekte behandelte. Zum einen beantworteten sie darin Fragen zu ihrer Lebenseinstellung: Glaubten sie, dass ihre Freunde glücklicher waren als sie selbst? Dass die ein besseres Leben führten? Dass das Leben gerecht sei? Zum anderen fragte Chou nach den Lebensumständen: Waren die Probanden ledig oder verheiratet? Waren sie religiös?

Außerdem sollten sie Angaben zu ihrer Facebook-Nutzung machen: Seit wann nutzten sie das Netzwerk? Wie viel Zeit verbrachten sie dort täglich? Wie viele Freunde hatten sie? Etwa 95 Prozent der Befragten waren Mitglied bei Facebook, im Schnitt hielten sie sich dort knapp fünf Stunden pro Woche.

Nun berechnete Chou den Zusammenhang zwischen der wöchentlichen Facebook-Nutzung und der Lebenseinstellung. Und dabei bemerkte sie: Je länger die Studenten Facebook nutzten und je mehr Zeit sie dort verbrachten, desto stärker gingen sie davon aus, dass andere Menschen glücklicher waren und ein besseres Leben führten – und dass das Leben ohnehin nicht gerecht sei.

Mehr noch: Dieses Gefühl war umso stärker, je mehr Menschen sie als Facebook-Freunde hatten, die sie im wahren Leben aber noch nie gesehen hatten. Eine Überdosis Facebook kann sich also negativ auf unsere Stimmung auswirken. Wir bilden uns ein, schlechter dran zu sein als unsere digitalen Kontakte, und werden unglücklich. Wie kommt das?

Gedankliche Fallen

Dafür verantwortlich sind laut Chou so genannte Heuristiken. Dahinter verbergen sich gedankliche Prozesse, die uns eigentlich dabei helfen sollen, Probleme zu lösen, Entscheidungen zu treffen oder eine Meinung zu bilden. Doch nicht selten führen diese Heuristiken in die Irre – und zwei davon sind nach Ansicht von Grace Chou hier am Werk.

Da wäre zum einen die Verfügbarkeitsheuristik (availability heuristic). Vereinfacht gesagt: Bei Facebook haben wir häufig mehr Freunde als im wahren Leben. Dennoch wollen wir uns über diese Masse einen Eindruck bilden – und dabei greifen wir zwangsläufig auf jene Informationen zurück, die diese Personen bei Facebook hinterlassen. Diese Informationen jedoch sind, wie bereits erwähnt, zumeist positiv. Der eine postet Urlaubsfotos, der andere Bilder der letzten Party. Und wer ständig digitaler Zeuge dieser Lebensfreude wird, der bildet sich irgendwann ein, dass ebenjene Personen ein echt dolles Leben führen – anders als man selbst.

Zum anderen spielt auch der Attributionsfehler (correspondence bias) eine Rolle. In Kurzform: Häufig davon wir fälschlicherweise davon aus, dass die Worte und Taten einer Person ihre tatsächliche Persönlichkeit reflektieren. Wer also die glücklichen Urlaubsfotos eines Facebook-Freundes sieht, nimmt an, dass der- oder diejenige auch wirklich glücklich ist.

„Der Attributionsfehler ist umso wahrscheinlicher, je mehr seiner Facebook-Kontakte man im wahren Leben noch nie gesehen hat“, sagt Grace Chou. Bei echten Freunden tappe man seltener in diese gedankliche Falle. Bei ihnen beachte man auch die äußeren Faktoren, nämlich dass Glück immer nur eine Momentaufnahme sei – erst recht auf Facebook.

Quelle:
Hui-Tzu Grace Chou und Nicholas Edge (2012). „They Are Happier and Having Better Lives than I Am“: The Impact of Using Facebook on Perceptions of Others’ Lives. In: Cyberpsychology, Behavior, and Social Networking, Band 15, Ausgabe 2.

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  2. […] und der damit gesunkenen Selbstkontrolle nehme man auch zu. Zudem gab es auch in den USA bereits eine Studie, die einen ähnlichen Zusammenhang zwischen Facebook-Nutzung und Unzufriedenheit herstellt wie die […]

  3. […] und Like-Zahlen nicht unbedingt zu ihren Lieblingsdisziplinen gehört. Daniel Rettig weist auf seinem Blog alltagsforschung.de auf einen weiteren Umstand hin: Unbekannte Facebook-Freunde hinzufügen kann Deine seelische […]

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