Weniger Einkommen, größere Unzufriedenheit

Was ist größer: die Freude über mehr Einkommen oder der Frust bei weniger Geld? Eine neue Studie kommt zu einem überraschenden Ergebnis.

MaterialismusDie Verlustaversion gehört mittlerweile zum Standardrepertoire jedes Küchenpsychologen. Dahinter steckt eine Entdeckung (.pdf) der Psychologen Amos Tversky und Daniel Kahneman. Die loss aversion besagt: Der Schmerz eines Verlustes ist intensiver als die Freude über einen Gewinn.

Theoretisch klingt das plausibel. Praktisch jedoch testeten Wissenschaftler diese Erkenntnis bisher immer im Labor. Dann also, wenn sich die Probanden einen Verlust lediglich vorstellen sollten. Oder wenn sie Spielgeld zu verlieren hatten.

Aber was passiert, wenn Menschen tatsächlich Verluste erleiden? Dieser Frage widmete sich nun der Psychologe Christopher Boyce von der britischen Universität von Stirling.

Für seine Studie nutzte er zwei Langzeituntersuchungen, darunter das Sozio-oekonomische Panel (SOEP). Dafür befragt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung seit 1984 mehr als 20.000 Personen aus etwa 11.000 Haushalten.

Boyce analysierte die SOEP-Daten von 2001 bis 2009 – darin enthalten waren 29.000 Menschen mit einem Durchschnittsalter von 49. Außerdem durchforstete er Daten des britischen Household Panel Survey mit knapp 21.000 Personen.

In beiden Langzeitstudien hatten die Befragten umfangreiche Angaben zu ihrem Leben gemacht. Zu ihrem Beruf, aber auch zu ihrem Privatleben. Wie glücklich und zufrieden sie waren, ob sie sich seelisch gesund fühlten – und wie viel sie verdienten.

Wenig überraschend: Wenn das Einkommen im Laufe der Jahre stieg, waren die Menschen auch zufriedener mit ihrem Leben. Das eigentlich Überraschende war jedoch: Sank das Gehalt, schrumpfte das Lebensglück wesentlich stärker. Mit anderen Worten: Eine Einkommenseinbuße hatte größere Macht als ein Einkommenszuwachs.

Aber wieso?

Boyce erklärt sich die Ergebnisse mit der Verlustaversion. Was der Mensch einmal besitzt, will er nicht wieder hergeben. Das könnte auch erklären, warum die Zufriedenheit der Bürger nicht immer mit dem Wirtschaftswachstum zusammenhängt. Wenn sich der Einzelne nämlich weniger leisten kann, fühlt er sich erheblich schlechter – sogar mehr, als er sich bei Einkommenszuwächsen freut.

Mehr Geld macht nicht immer glücklich. Aber weniger Geld macht immer unglücklich.

Quelle:
Christopher Boyce et al (2013). Money, Well-Being, and Loss Aversion: Does an Income Loss Have a Greater Effect on Well-Being Than an Equivalent Income Gain?

[Foto: gualtiero boffi via Shutterstock]

Trackbacks

  1. […] glücklich?  Und bevor die Sozialromantiker unter uns darauf kommen, dass es am Geld nicht liegt: Moment. Es bleibt eine komplizierte Frage, was richtig ist im Berufsleben. O, und apropos Sozialromantik: […]

  2. […] glücklich?  Und bevor die Sozialromantiker unter uns darauf kommen, dass es am Geld nicht liegt: Moment. Es bleibt eine komplizierte Frage, was richtig ist im Berufsleben. O, und apropos Sozialromantik: […]

Schreibe einen Kommentar

*

Letzter Artikel:
Nächster Artikel: