Warum ein Gespräch mit Fremden glücklich macht

Egal ob in der Bahn oder im Wartezimmer: Treffen Unbekannte aufeinander, schweigen sie sich gerne an. Ein großer Fehler – denn eine neue Studie zeigt: Schon kurze Gespräche mit Fremden machen glücklich.

Öffentliche EinsamkeitJeden Tag haben wir theoretisch Dutzende von Möglichkeiten, mit anderen Menschen Kontakt aufzunehmen. Morgens sitzen wir eng nebeneinander i‌n der U-Bahn, stehen aneinander gequetscht im Bus, warten am Gleis auf den Zug oder im Wartezimmer auf den Arzt.

Praktisch bevorzugen wir unsere Ruhe. Die meisten Menschen spielen in solchen Situationen lieber mit ihrem Handy, lesen Zeitung oder starren aus dem Fenster. Hauptsache, sie müssen nicht mit Fremden reden.

Aber ist das wirklich besser? Macht es glücklicher, alleine seinen Gedanken nachzugehen als einen neuen Menschen kennenzulernen – auch wenn dabei erstmal nur belangloser Small Talk herauskommt?

Ganz im Gegenteil. Das behaupten zumindest Nicholas Epley und Juliana Schroeder von der Universität von Chicago in ihrer neuen Studie (.pdf).

Pendler im Zug

Für ein Experiment teilten sie 118 Pendler in drei Gruppen. Die einen sollten während der morgendlichen Bahnfahrt im Berufsverkehr mit einem Fremden ins Gespräch kommen. Die anderen sollten während der Fahrt mit niemandem reden. Die dritte Gruppe konnte tun und lassen, was sie wollte. Sie sollte sich so verhalten wie immer.

Hinterher sollten alle Freiwilligen einen Fragebogen ausfüllen und berichten, wie gut ihre Laune nach der Fahrt war und wie produktiv sie währenddessen gewesen waren.

Und siehe da: Wer mit Fremden geredet hatte, fand die Fahrt am angenehmsten und war hinterher am glücklichsten. Mehr noch: Jene Gruppe hatte nicht das Gefühl, durch die Unterhaltung unproduktiv gewesen zu sein oder etwas verpasst zu haben.

In weiteren Versuchen war das Ergebnis ähnlich: Egal ob die Probanden einen Fremden im Bus oder den Fahrer ihres Taxis ansprachen – immer waren sie anschließend zufriedener als jene, die mit ihren Gedanken und Gefühlen alleine waren.

Wenn Unterhaltungen mit Fremden so viel Freude bereiten – warum entscheiden sich die meisten Menschen in der Öffentlichkeit lieber für Stille und Einsamkeit? Eine mögliche Antwort lieferte ein weiterer Versuch.

Spirale des Schweigens

Hier sollten sich 105 Pendler lediglich vorstellen, in die jeweiligen Rollen des Versuchs zu schlüpfen und sich ausmalen, wie sie sich fühlen würden. Jetzt war das Ergebnis genau umgekehrt: Am glücklichsten zeigten sich jene, die eine ruhige, einsame Fahrt imaginierten. Wer sich vorstellte, mit einem Fremden reden zu müssen, stellte sich das unangenehm vor.

Offenbar unterschätzen viele Menschen, wie gut soziale Kontakte für ihre Seele sind. Stattdessen werden sie Teil der öffentlichen Schweigespirale, hinter der vermutlich eine kulturelle Norm steckt: In den meisten Bahnen, Bussen, Zügen, Wartezimmern, sprich: an öffentlichen Orten schweigen sich Fremde an. Deshalb gehen wir automatisch davon aus, dass niemand reden will und halten lieber selbst den Mund – auch wenn wir uns damit in Wahrheit unglücklicher machen.

„Menschen sind soziale Tiere“, schreiben Epley und Schroeder, „aber nicht immer sozial genug für ihr eigenes Wohlbefinden.“

Nun kommt bei einer Unterhaltung mit einem Fremden ohnehin selten mehr als belangloses Geplänkel heraus. Vielleicht bilden wir uns deshalb ein, dass wir uns die Mühe sparen können? Weit gefehlt. Denn Gespräche mit Fremden oder entfernten Bekannten machen genauso glücklich wie ein Treffen mit dem besten Freund.

Fremde machen glücklich

Davon ist zumindest die US-Psychologin Gillian Sandstrom von der Universität von British Columbia überzeugt. Für ihre Studie trugen die Freiwilligen wochenlang zwei Knöpfe bei sich. Den roten Knopf sollten sie drücken, wenn sie mit einem engen Freund oder einer engen Freundin sprachen. Den schwarzen Knopf drückten sie, wenn sie mit einem entfernten Bekannten sprachen.

Wenig überraschend: Egal ob die Personen introvertiert oder extrovertiert waren – alle waren an jenen Tagen glücklicher, an denen sie mehr soziale Interaktionen hatten. Mehr noch: Die Begegnung mit einem entfernten Bekannten machte die Teilnehmer genauso zufrieden wie das Treffen mit einem engen Freund.

Charakterliche Schokoladenseite

Nun ist nicht jeder gewillt, morgens schon von anderen angequatscht zu werden. Lieber grummelt man still vor sich hin, als seine schlechte Laune auch noch mit einem Fremden teilen zu müssen. Die gute Laune sparen wir uns lieber für die kostbare Freizeit und gute Freunde auf. Könnte man meinen. Stimmt aber nicht.

Denn wahr ist auch: Fremden zeigen wir unsere charakterliche Schokoladenseite. Die US-Psychologin Elizabeth Dunn entdeckte in einer Studie (.pdf) im Jahr 2007: Menschen verhalten sich einem Fremden gegenüber in einem Gespräch häufig höflicher und aufgeschlossener als ihrem Partner gegenüber – und diese gute Laune färbt auf den anderen ab.

Darauf deutet auch die aktuelle Studie von Nicholas Epley und Juliana Schroeder hin. Sie stellten fest: Wenn eine Person im Wartezimmer die Initiative ergriff und einen anderen Patienten ansprach, waren hinterher beide zufriedener.

Vielleicht fühlen sich die meisten Menschen also gar nicht gestört, wenn man sie zumindest kurz begrüßt und nach ihrem Wohlbefinden fragt. Womöglich trauen sie sich bloß nicht, den ersten Schritt zu machen.

Quellen:
Nicholas Epley und Juliana Schroeder (2014). Mistakenly Seeking Solitude. Journal of Experimental Psychology: General

Gillian Sandstrom und Elizabeth Dunn (2014). Social Interactions and Well-Being The Surprising Power of Weak Ties. Personality and Social Psychology Bulletin, Band 40, Nummer 7, Seite 910-922

Elizabeth Dunn et al (2007). Misunderstanding the Affective Consequences of Everyday Social Interactions: The Hidden Benefits of Putting One’s Best Face Forward. Journal of Personality and Social Psychology, Band 92, Nummer 6, Seite 990-1005

[Foto: phototr / Shutterstock.com]

 

Kommentare

  1. Alles schön und gut es gibt bloß ein Problem dabei, dass in diesem Artikel nicht angesprochen wurde. Viele Menschen hören Musik und Hörbücher nicht nur um sich mit anderen nicht unterhalten zu müssen sondern auch um anderen Personen nicht zuhören zu müssen. Da spielt das, zugegeben meist überhebliche, Fremdschämen eine große Rolle. Auch das „Was denken Zuhörer bloß von mir“ schreckt davor ab ein Gespräch zu beginnen und somit aus dem Rahmen zu fallen.

  2. Treffen Unbekannte aufeinander, schweigen sie sich gerne an. Diese Situation kennt wohl jeder 🙂 Interessanter Artikel.

  3. ein gespräch mit fremden ist eine wunderbare gelegenheit. der leichte stress lässt uns wachsen. wir konzentrieren uns und erleben uns selbst intensiver, ein fremder begegnet uns ohne die vielen zuschreibungen (positive wie negative), die wir in gewohnten kreisen oft erleben. und wir bekommen durch die begegnung mit einem fremden neue impulse von außen. auch das finde ich sehr wertvoll. auf partys versuche ich fast immer mind. einen neuen menschen anzusprechen. die einfachste frage ist: und, woher kennst du den gastgeber?

  4. Finde ich super & kann es nur bestätigen!
    Merkt man auf Events oft sehr extrem. Vor der ersten „Vorstellungsrunde“ sitzen hunderte anonyme Einzelkämpfer in einem Saal. Nach dem richtigen Icebreaker sind es schon kleinere Gruppen, die gemeinsam in eine Richtung schwimmen. Und am Ende von 2,3,4 Tagen Event liegen sich Teilnehmer heulend in den Armen und wollen gar nicht mehr gehen.. ein besseres Beispiel für das „soziale Tier“ gibt´s doch gar nicht 🙂

    Toller Artikel, danke!

    Grüße von eventpsychologie.eu

    Ben

  5. Besonders schön finde ich es, wenn offensichtlich jemand nach dem Weg sucht und von einem Ortskundigen darauf angesprochen wird. Das ist für beide Seiten eine Bereicherung, die das Leben schöner macht, selbst für einen dritten, der es vielleicht nur aus dem Augenwinkel beobachtet.

  6. Hallo!

    ich bin über iregnd ein link über fb auf diese Seite und den Link zu diesem Text gestossen und mich hat das Thema sehr angesprochen.
    Und so habe ich es gleich mal wieder in dei Tat umgesetzt, wenn auch etwas erweitert.;)
    Viele Grüße!
    Nicola

  7. Ob Kontakt glücklich macht, hängt sicher auch von der Persönlichkeitsstruktur ab. Nähe-Typen im Sinne Riemanns wünschen sich eher den sozialen Austausch, auch mit Unbekannten. Distanz-Typen eher nicht, sie wünschen sich eher Abgrenzung.

Trackbacks

  1. […] Erster Gedanke, wie verängstigt muss man durchs Leben gehen, wenn man sofort wegrennt, wird man angesprochen. Was für ein einsames Leben, wenn sich keiner mehr mit einem unterhält. Diese kleinen alltäglichen Konversationen machen übrigens Glücklich: Studie dazu. […]

  2. […] Also ich bin ja eigentlich schon ein Morgenmensch. Aber wenn ich morgens im Zug meinen heißen Kaffee schlürfe, habe ich keine Lust, Smalltalk zu halten – oder noch schlimmer: Leuten beim Smalltalk zuzuhören. Dabei sollte ich das wohl öfter machen, denn ein Gespräch mit Fremden macht glücklich, sagt mir die Alltagsforschung. […]

  3. […] Egal ob in der Bahn oder im Wartezimmer: Treffen Unbekannte aufeinander, schweigen sie sich gerne an. Ein großer Fehler – denn eine neue Studie zeigt: Schon kurze Gespräche mit Fremden machen glücklich.Jeden Tag haben wir theoretisch Dutzende von Möglichkeiten, mit anderen Menschen Kontakt aufzunehmen. Morgens sitzen wir eng nebeneinander i‌n der U-Bahn, stehen aneinander gequetscht im Bus, warten am Gleis auf den Zug oder im Wartezimmer auf den Arzt. Praktisch bevorzugen wir unsere Ruhe. Die meisten Menschen spielen in solchen Situationen lieber mit ihrem Handy, lesen Zeitung oder starren aus dem Fenster. Hauptsache, sie müssen nicht mit Fremden reden. Aber ist das wirklich besser? Macht es glücklicher, alleine seinen Gedanken nachzugehen als einen neuen Menschen kennenzulernen – auch wenn dabei erstmal nur belangloser Small Talk herauskommt ….  […]

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