Der Weg einer Studie – Warum die Menschen NICHT immer dümmer werden

„Menschen werden immer dümmer“, schreien derzeit viele Artikel von den Dächern. Blöd nur, dass die entsprechende Studie das gar nicht behauptet – und die Aussage ohnehin nicht stimmt.

Wenn sich der Erfolg einer Studie daran bemisst, wie viel Resonanz sie in den Medien erzeugt – dann hat Gerald Crabtree alles richtig gemacht. Aber der Reihe nach.

Crabtree ist Biologe und Professor an der amerikanischen Stanford Universität. Er beschäftigt sich seit knapp 30 Jahren mit der Erforschung von Zellen. Crabtree hat seitdem Hunderte von Untersuchungen publiziert und Dutzende von Preisen eingeheimst. Mit anderen Worten: Er ist ein echter Experte. Und in einer Ausgabe des Fachjournals Trends in Genetics hat er gleich zwei neue Studien veröffentlicht.

Wie bei vielen Untersuchungen üblich, hat die Pressestelle seiner Hochschule dazu am 12. November eine Mitteilung veröffentlicht. Frei übersetzt lautet deren Überschrift: „Eine Studie legt nahe, dass die Menschen langsam aber sicher ihre intellektuellen und emotionalen Fähigkeiten einbüßen.“

So ein Titel lässt natürlich das Herz jedes haupt- und nebenberuflichen Wissenschaftsjournalisten höher schlagen. Und es dauerte auch nicht allzu lange, bis die ersten Medien die Studie aufgriffen – rhetorisch überhöht und pointiert zusammengefasst in der schmissigen Überschrift „Menschen werden immer dümmer“.

Manche garnierten das noch mit einer pseudodistanzierenden Anmerkung à la „Steile These“ oder so ähnlich. Aber für mehr Analyse blieb keine Zeit. Hauptsache Huschhusch. Denn Artikel über Intelligenz gehen immer – und über Dummheit natürlich erst recht.

Im Promillebereich

Doch die Eile hat vermutlich noch einen weiteren Grund: Die Anzahl der Journalisten, die die Studien im Original gelesen haben, dürfte im Promillebereich liegen.

Zugegeben, wahrscheinlich liegt das auch daran, dass sie hinter einer Bezahlschranke versteckt sind und kaum eine Redaktion Zugriff auf die wissenschaftliche Datenbank „ScienceDirect“ hat.

Andererseits müsste das einen Journalisten nicht zwangsläufig davon abhalten, sich die Studie irgendwie doch besorgen zu wollen. Insbesondere dann, wenn man seinen Lesern vorgaukeln will, dass die menschlichen Gehirne so langsam matschig werden.

Man könnte zum Beispiel Crabtree anschreiben und höflich nachfragen. Dann würde einem die Assistentin die beiden Studien zuschicken. Aber dann würde man sich so richtig wundern.

Um das direkt zu sagen: Vor allem die erste Studie ist wirklich kein literarischer Genuss. Sie wimmelt von Fachausdrücken, die auch ich nicht verstehe. Aber das kann man Crabtree nicht vorwerfen. Er schreibt ja nicht für ein Boulevardblatt, sondern für ein Fachjournal. Dennoch ist es auch ohne Doktortitel in Molekularbiologie möglich, einige Häppchen der Studie nachzuvollziehen.

Crabtree schreibt zum Beispiel: „Es könnte sein, dass die menschliche Intelligenz und die emotionale Stabilität genetisch fragil sind.“ Und: „Es ist sehr wahrscheinlich, dass unsere Gene in den nächsten 3000 Jahren zwei oder mehr Mutationen durchlaufen, die unserer intellektuellen oder emotionalen Stabilität schaden.“ Oder: „Vielleicht haben wir vor 2000 bis 6000 Jahren unseren intellektuellen Höhepunkt erreicht.“

Merken Sie etwas? Crabtree schreibt kein Wort davon, dass die Menschen immer dümmer werden – so wie es aber die meisten Artikel nahelegen. Außerdem formuliert er ziemlich vorsichtig, bedächtig und verwendet häufig den Konjunktiv.

Seine Argumentation lautet, vereinfacht gesagt: Vor Tausenden von Jahren war Intelligenz überlebenswichtig. Im Zuge der natürlichen Selektion setzten sich deshalb eben jene Gene durch, die das Überleben sicherten – und damit die Intelligenz förderten.

Doch irgendwann, so Crabtree weiter, seien die Menschen vom Land in Städte gezogen. Das Leben in der Gemeinschaft wurde normal. Oder flapsig formuliert: Man musste nicht ständig Angst davor haben, dass ein anderer Mensch einem die Rübe abhaut.

Doch das hatte laut Crabtree zur Folge, dass die Gene zum Überleben nicht mehr ganz so wichtig waren – und die Intelligenz langsam einbüßte. Wenn man dieses Gedankenspiel nun weiter fortführe, könne man durchaus vermuten, dass die Intelligenz der Menschen vielleicht, womöglich, eventuell fragil sei und sinke.

Sie sehen schon: So langsam wird eine Überschrift á la „Die Menschen werden dümmer“ problematisch. Vor allem, weil sie eine Tatsache suggeriert. Aber was sagt eigentlich die Wissenschaft dazu?

Bizarre Annahme

Um eine Antwort darauf zu erhalten, könnte man zum Beispiel Robert Plomin fragen. Er ist Psychologe am King’s College in London, Experte in Sachen Genforschung – und angesichts Crabwells Studie ziemlich verblüfft: „Es ist geradezu bizarr anzunehmen, dass die Intelligenz sinkt. Dazu gibt es einen Haufen von Studien, und alle kommen zum gegenteiligen Ergebnis: Die Intelligenz ist in den vergangenen Jahrhunderten nicht gesunken. Sie ist gestiegen.“

Die Kontroverse, ob Intelligenz nun durch Anlage oder Umwelt bestimmt wird, ist eine der ältesten Diskussionen überhaupt. So hält sich ja zum Beispiel das schöne Gerücht, dass Intelligenz zu einem Dritten genetisch bedingt und zu zwei Dritteln an Erfahrung liege. Aber schon der Denkansatz ist ziemlicher Mumpitz.

Es geht nicht darum, nach dem Beitrag jedes einzelnen Gens zu fragen. Oder um die Frage, ob Anlage oder Umwelt dominiert – sondern wie diese beiden Faktoren zusammenwirken.

Mal ganz abgesehen davon, dass es die Intelligenz nicht gibt. So unterschied zum Beispiel Raymond Cattell schon in den Sechzigerjahren zwischen kristalliner und fluider Intelligenz. Unter Ersterem verstand er das Wissen einer Person und die Fähigkeit, darauf zuzugreifen. Fluide Intelligenz sei die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge zu erkennen.

Robert Sternberg fügte diesen beiden Modellen Ende der Neunzigerjahre die analytische Intelligenz für Informationsverarbeitung, die kreative Intelligenz für neue Aufgaben und die praktische Intelligenz für Alltagsanforderungen hinzu. Und Howard Gardner brachte die emotionale Intelligenz in die Diskussion ein.

Sie sehen also: Ziemlich kompliziert, das alles. Aber fest steht: Es gibt bislang keinen ernstzunehmenden Beleg dafür, dass die Menschheit generell und überhaupt immer dümmer wird. Ich dachte, das sollten Sie wissen.

Quellen:

Gerald Crabtree (2012). Our fragile intellect, Part I, Trends in Genetics

Gerald Crabtree (2012). Our fragile intellect, Part II, Trends in Genetics

[Foto: digitalbob8 unter cc-by]

Kommentare

  1. Imke Toborg says:

    Schöner Artikel. Das Problem, dass wissenschaftliche Arbeiten undifferenziert für die Masse auf zweitem Wege publiziert werden, ist leider Gang und Gebe. Man fragt sich nur, ob das nicht gerade ein Beweis für die schwindenden Fähigkeiten der Menschen sind. Moderne Medien erleichtern und bereichern unser leben und machen uns gleichsam ärmer an intellektuellen Fähigkeiten. Wir benutzten diese Medien kaum um uns zu bilden auf Grundlage unserer kulturellen Fähigkeiten, sondern wir tauschen unsere Fähigkeiten für bequemere bespaßung aus. Mittlerweile ist es soweit, dass selbst Studenten an der Uni Theorien nicht mehr als Theorien begreifen, sondern sie entweder als „praxisfernes“ Unkraut betrachten oder als Feldformel. Eine gesunde Mitte finden sie nicht mehr, wie bei Kindern, die sich ihrer Person unsicher sind. Im Endeffekt haben also nicht nur Gene, sondern auch Technik einen Einfluss auf unsere Fähigkeiten. Alles, was uns abgenommen wird, alles was man uns vorkaut, müssen wir nicht richtig durchleben, um daraus und daran zu lernen.

  2. Imke Toborg says:

    Schöner Kommentar. Das Problem das Wissenschaftliche Arbeiten undifferenziert für die Masse auf zweitem Wege publiziert werde, ist leider Gang und Gebe. Man fragt sich nur, ob das nicht gerade ein Beweis für die schwindenden Fähigkeiten der Menschen sind. Moderne Medien erleichtern und bereichern unser leben und machen uns gleichsam ärmer an intellektuellen Fähigkeiten. Wir benutzten diese Medien kaum um uns zu bilden auf Grundlage unserer kulturellen Fähigkeiten, sondern wir tauschen unsere Fähigkeiten für bequemere bespaßung aus. Mittlerweile ist es soweit, dass selbst Studenten an der Uni Theorien nicht mehr als Theorien begreifen, sondern sie entweder als „praxisfernes“ Unkraut betrachten oder als Feldformel. Eine gesunde Mitte finden sie nicht mehr, wie bei Kindern, die sich ihrer Person unsicher sind. Im Endeffekt haben also nicht nur Gene, sondern auch Technik einen Einfluss auf unsere Fähigkeiten. Alles, was uns abgenommen wird, alles was man uns vorkaut, müssen wir nicht richtig durchleben, um daraus und daran zu lernen.

  3. drecksau says:

    womit ich ihre meinung widerlegt habe 😉

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