Mumpitz-Alarm – Wie ein Wissenschaftler das Böse im Gehirn entdeckte

Sensationelle Neuigkeiten: Ein deutscher Wissenschaftler hat „das Böse in unseren Köpfen gefunden“. Das berichtete gestern zumindest die „Bild“-Zeitung. In Wahrheit ist der Bericht an Schwachsinnigkeit kaum noch zu überbieten. 

Eines vorweg: Ich finde es großartig, wenn Massenmedien über Psychologie und Hirnforschung berichten. Und mir ist schon klar, dass sie die Erkenntnisse oft massiv vereinfachen. Auch Fachfremde sollen die Berichte ja verstehen.

Die Kunst ist es, dabei nicht den Pfad der wissenschaftlichen Wahrheit verlassen. Ein heikler Spagat, der leider häufig misslingt. Mal weniger, mal mehr. Aber selten findet man solche Katastrophen wie gestern in der „Bild“.

„Kommen wir böse zur Welt? Oder werden wir durch äußere Einflüsse zu Gewaltverbrechern gemacht?“ So beginnt der Artikel von Holger Bloethe. Eine spannende Frage, in der Tat. Und eine, die Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen schon seit Jahrzehnten beschäftigt.

Unter anderem auch den Bremer Hirnforscher Prof. Dr. Gerhard Roth. Er dient Bloethe als Kronzeuge für seinen Text. Denn offenbar hat er sensationelle Neuigkeiten: Laut Artikel hat er nämlich „das Böse in unseren Köpfen gefunden“. Mehr noch: „Es sitzt in den vorderen Zentrallappen unseres Gehirns.“

So so.

An dieser Stelle ein kurzer Exkurs.

Neurowissenschaftler unterteilen das Großhirn in zwei fast gleiche Hälften, die cerebralen Hemisphären. In jeder davon befinden sich vier Areale, auch Hirnlappen genannt: der Frontallappen, der Parietallappen, der Okzipitallappen und der Temporallappen.

Merken Sie etwas? Richtig: die Zentrallappen gibt es nicht.

Nun könnte man das als Lappalie abtun – aber für einen Hirnforscher ist dieser Fauxpas schon bedenklich. Aber es wird noch besser.

Bloethe weiß zu berichten, dass Roth das Böse entdeckte, als er Gewaltverbrecher und verurteilte Straftäter untersuchte. Nun wäre es schon interessant zu erfahren, wie viele Probanden er denn untersucht hat; welchen Verbrechen die sich schuldig gemacht hatten; und ob diese Untersuchung in einem Fachjournal veröffentlicht wurde. All diese Informationen würden der Studie zumindest eine Prise Seriosität verleihen.

Geschenkt.

Immerhin berichtet Roth, wie die Untersuchung aussah:

„Wir zeigten ihnen kurze Filme, haben dabei ihre Gehirnströme gemessen. Bei brutalen, abstoßenden Szenen zeigten die Probanden keine Regung. In den Gehirnbereichen, in denen bei uns Mitleid und Trauer entsteht, passierte nichts.“

An dieser Stelle ein weiterer Exkurs.

Inzwischen stehen Hirnforschern verschiedene Methoden zur Verfügung. Und eine davon ist das Elektroenzephalogramm (EEG). Dabei befestigen Wissenschaftler am Kopf der Probanden etwa zwei Dutzend Kabel, die aussehen wie eine Duschhaube mit Knöpfchen (siehe Foto). Diese sind mit einem Computer verbunden.

Das Verfahren hat durchaus Vorteile. Es reagiert zum Beispiel sehr schnell auf die Aktivitäten des Gehirns. Aber es hat einen entscheidenden Nachteil: Es lässt kaum Rückschlüsse darauf zu, welche Hirnregion genau aktiv wurde. Denn es misst vor allem die Aktivität in der Hirnrinde – aber den Probanden in den Kopf gucken kann es nicht.

Umso erstaunlicher, dass Roth offenbar anhand der Hirnströme messen konnte, was tief im Gehirn passierte.

Aber es kommt noch viel, viel besser.

Denn der Forscher präsentierte dem Journalisten eine Aufnahme seiner Studie, eine Art Röntgenbild des Gehirns. Wie wir nun wissen, kann die unmöglich von einer „Messung der Hirnströme“ stammen. Und dennoch: An einer kleinen, schwarzen Stelle residiert nach Aussage des Artikels gewissermaßen das Böse. „Die dunkle Stelle im Gehirn ist bei einem Verbrecher gut zu erkennen“, schreibt Bloethe.

Fassen wir zusammen: Die angebliche Region existiert in Wahrheit gar nicht, das Verfahren ist komplett ungeeignet. Dennoch soll eine bestimmte Region des Gehirns das Böse beheimaten.

Das ist das größte Ärgernis des Artikels. Denn er vermittelt den Eindruck, als sei diese Stelle allein dafür verantwortlich, friedliebende Bürger in psychopathische Massenmörder zu verwandeln. Und hier sind wir wieder beim Ausgangsproblem des Wissenschaftsjournalismus. Bisweilen wird der Grat zwischen Simplifizierung und Schwachsinn überschritten. Und das ist bei jenem Artikel leider der Fall.

[Update vom 9. Februar: Die Uni Bremen hat gestern eine Pressemitteilung herausgegeben, in der sie sich von dem ‚Bild‘-Artikel distanziert. Der Text sei „falsch“ und basiere „auf einem kompletten Missverständnis von Aussagen in einem Interview“. Und weiter heißt es: „Einen ‚Zentrallappen‘ gibt es gar nicht. ]

5 Kommentare

  1. Zum Inhalt des Beitrags- geschenkt. Aber einen Hinweis kann ich mir nicht verkneifen: Das Bild ist kein Röntgenbild, sondern eine CT-Aufnahme. Und mit Kontrastmitteln ist es sehr wohl machbar, bestimmte Aktivitäten relativ genau in einem Gehirn zu lokalisieren. Problematisch wird es allerdings, solche punktuellen Aussagen zu verallgemeinern.
    Trotzdem super, wie genau Du hier aufschlüsselst, was das für ein Mumpitz in der BLÖD ist!

  2. @Daniel: Ich kannte bisher die „wissenschaftlichen“ Beiträge in Formaten wie Galileo, aber dieser Bildartikel kommt da noch deutlich drunter. Das meinte damit, dass dies dem Fass den Boden ausschlägt.

  3. Reine Spekulation, aber: Ich glaube, Herr Roth hatte nicht einmal eine dunkle Vorstellung davon, was ein BILD-Reporter, der Blut geleckt hat, aus so einer Story machen kann.

    Bislang ist mir Herr Roth jedenfalls nicht als jemand mit einem solchen Niveaulimbo aufgefallen, im Gegenteil. Si halte ich z.B. sein Buch „Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten“ für sehr gelungen und differenziert.

  4. @Frauke: Verständnisfrage: Was genau schlägt dem Fass den Boden aus? Und: Wie der Artikel entstanden ist, vermag ich nicht zu sagen. Es erweckt aber doch den Eindruck, als habe der Journalist mit Roth gesprochen. Denn er hat auch die Fotos von Roth im Labor gemacht.

  5. Ohne den Bildartikel gelesen zu haben muss ich sagen, dass dies dem Fass den Boden ausschlägt. Ich habe in Bremen studiert und meine Bachelor- und Masterthesis in der Abteilung von Professor Roth geschrieben und bin immer noch dankbar dafür, dass ich die Gelegenheit hatte, bei ihm zu arbeiten.

    Aus Ihrem Artikel geht nicht genau hervor, ob Bloethe mit Herrn Roth gesprochen oder nur eine seiner Arbeiten zerpflückt hat. Können Sie das noch einmal beantworten?

Hinterlasse einen Kommentar.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert