Das Kleine-Welt-Phänomen – Warum heute jeder über vier Ecken erreichbar ist

Die Welt ist ein Dorf – erst recht im Internet. Einer neuen Studie zufolge kennt jeder Facebook-Nutzer jedes andere Mitglied im Schnitt über vier Ecken.

1967 untersuchte der Harvard-Professor Stanley Milgram zusammen mit seinem Kollegen Jeffrey Travers in einer heute legendären Studie (.pdf) die Funktionsweise sozialer Netzwerke. Dabei handelte es sich natürlich um reale Beziehungen, keine virtuellen. Die beiden Forscher wollten herausfinden, ob eine zufällig ausgewählte Person einen ihr völlig Unbekannten ausschließlich über indirekte Beziehungen erreichen kann.

Konkret wählte Milgram einen befreundeten Aktienhändler in Boston als Zielperson aus. Anschließend sollten 296 Probanden versuchen, diesem Mann einen Brief zu schreiben. 196 kamen aus zwei verschiedenen Orten im US-Bundesstaat Nebraska, der Rest kam aus Boston. Der Clou: Die Adresse des Aktienhändlers war allen Teilnehmern unbekannt. Deshalb sollten sie versuchen, den Brief einem ihrer Bekannten weiterzuleiten, der womöglich näher an der Zielperson dran war als sie selbst. Dieser Bekannte und die folgenden sollten genauso vorgehen.

Und tatsächlich: Der erste Brief war bereits nach vier Tagen am Ziel. Binnen weniger Tage trudelten weitere Zuschriften ein, wobei im Schnitt 5,2 Stationen zwischen dem Absender und dem Empfänger lagen – und nie mehr als sechs. Das Ergebnis wurde als das Kleine-Welt-Phänomen bekannt. Oder wie man es damals auf die einfache Formel brachte: Jeder kennt jeden über maximal sechs Ecken.

Zwar ist das Phänomen umstritten – es gibt Beweise, aber auch Widerlegungen -, doch Tatsache ist: Seit Milgram übt die Vorstellung, dass wir jeden beliebigen Menschen auf der Welt über sechs Umwege erreichen können, ungemeine Faszination aus. Stellen Sie sich das mal vor: Egal, ob Politiker, Sportler, Sänger, Schauspieler oder Wissenschaftler – Milgram zufolge ist jeder Mensch auf der Welt nur maximal sechs Kontakte von ihnen entfernt. Verrückt, oder?

Wenn Sie das schon kurios finden, dann werden Sie die neue Studie (.pdf) eines amerikanisch-italienischen Forscherteams um Lars Backstrom, Softwareanalyst bei Facebook, und Paolo Boldi (Uni Mailand) erst recht verrückt finden. Die Wissenschaftler untersuchten dafür vor wenigen Monaten sämtliche Verbindungen aller Facebook-Mitglieder. Zum Zeitpunkt der Analyse gab es 721 Millionen Nutzer, die insgesamt 69 Milliarden Verbindungen hatten. Backstrom und Co. ließen diese riesige Datenmenge von Software analysieren. Und siehe da: Die durchschnittliche Entfernung zwischen zwei willkürlichen Mitgliedern lag bei 4,74 Kontakten.

In der Presseerklärung, die das Datenteam von Facebook vor wenigen Stunden veröffentlicht hat, ist daher die Rede von „four degrees of separation“. Offenbar ist jedes Facebook-Mitglied von jedem anderen nur vier Ecken entfernt. Die Welt ist eben ein Dorf.

Quellen:

Lars Backstrom et al. Four Degrees of Separation. arXiv:1111.4570v1. 19. November 2011

Stanley Milgram und Jeffrey Travers. An Experimental Study of the Small World Problem. In: Sociometry, Band 32, Nummer 4, Dezember 1969, Seite 425 – 443.

[Foto: arenamontanus unter cc-by]

38 Kommentare

  1. Hallo liebe Uschi,
    ich wußte noch garnicht, dass es Alltagsforschung gibt. Das Ergebnis der Untersuchung ist schon beeindruckend.
    Dir alles Gute und noch schöne närrische Tage Dietmar

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