Kindererziehung – Lob kann sich rächen

Wer seine Kinder allzu überschwänglich lobt, erreicht mitunter das Gegenteil: Er nimmt ihnen die Lust, Herausforderungen einzugehen – zumindest dann, wenn ihr Selbstbewusstsein ohnehin noch schwach ist.

Hochleben„Das hast du ganz toll gemacht!“ „Wie schlau du bist!“ „Super!“ Mit solchen Sätzen loben Eltern gerne ihre Kinder. Die Komplimente sollen die Kleinen ermutigen und ihr Selbstbewusstsein steigern. Je überschwänglicher das Lob, desto größer die Wirkung. Könnte man meinen. Stimmt aber nicht.

So lautet das Fazit einer neuen Studie des Psychologen Eddie Brummelman von der Universität Utrecht.

Im ersten Experiment reichte er 712 Erwachsenen im Alter zwischen 18 und 65 kurze Beschreibungen von sechs Kindern. Drei hatten besonders wenig Selbstbewusstsein, drei besonders viel. Außerdem erfuhren die Freiwilligen, wie gut die Kinder musizieren, malen oder rechnen konnten.

Nun sollten sie entscheiden, ob und wie sie das Kind loben würden. Das Ergebnis: Jene Kinder mit niedrigem Selbstbewusstsein wollten sie doppelt so häufig besonders überschwänglich loben wie jene mit hohem Selbstbewusstsein.

Dasselbe Resultat erzielte Brummelman im zweiten Experiment. Hier reichten 114 Eltern ihrem Nachwuchs im Alter zwischen sieben und elf einen Mathetest. Außerdem sollten die Kinder verschiedene Fragen zu ihrem Selbstbild beantworten. Wieder erhielten jene mit niedrigem Selbstwert von ihren Eltern besonders überschwängliches Lob.

Dass sich dieses Lob rächen kann, zeigte das dritte Experiment. Hier sollten 240 Kinder zwischen acht und zwölf ein Bild malen. Nun erfuhren sie, dass ein echter Maler ihre Werke beurteilen würde – allerdings auf drei verschiedene Arten.

Gruppe A erhielt eine handschriftliche Notiz: „Du hast ein unglaublich schönes Bild gemalt!“ Gruppe B bekam ein Zettelchen, auf dem stand: „Du hast ein schönes Bild gemalt!“ Gruppe C erfuhr bloß, dass der angebliche Maler das Bild in seinem Studio behalten würde. Mit anderen Worten: Sie erhielt kein direktes Lob.

In einer zweiten Runde sollten alle Kinder erneut ein Bild malen. Allerdings durften sie den Schwierigkeitsgrad selbst wählen. „Wenn du dieses schwierige Bild nachzeichnest, machst du vielleicht viele Fehler“, sagte Brummelman und zeigte auf eine komplexe Zeichnung, „aber du wirst ganz sicher sehr viel lernen.“

Dann zeigte er auf eine einfache Zeichnung und sagte: „Bei diesem Bild wirst du keine Fehler machen – allerdings wirst du auch nicht viel lernen.“

Wie sich die Kinder entschieden? Es kam drauf an.

Jene Kinder, die ohnehin schon viel Selbstbewusstsein hatten, ließen sich vom überschwänglichen Lob des Malers tatsächlich anspornen: Sie wählten häufiger die komplizierte Aufgabe. Ganz anders war der Effekt jedoch bei den Kindern mit wenig Selbstbewusstsein. Hatten sie die euphorische Anerkennung gelesen, wollten sie lieber das einfache Bild malen.

Brummelman vermutet: Lob vermittelt dem Empfänger unterbewusst die Erwartung, dass er in Zukunft mindestens genauso gut abschneiden wird – wenn nicht noch besser. Doch just diese Erwartungen können seine Abenteuerlust bremsen, wenn er wenig bis gar kein Selbstbewusstsein hat. Denn dann geht er automatisch davon aus, die Erwartungen ohnehin enttäuschen zu müssen.

„Aufgeblasenes Lob kann sich gerade bei jenen Kindern rächen, die es scheinbar am meisten brauchen“, sagt Brummelman, „und zwar bei jenen mit niedrigem Selbstbewusstsein.“ Deshalb sollten Erwachsene der Versuchung widerstehen, ihren Nachwuchs allzu sehr anzupreisen – zumindest dann, wenn deren Selbstwert noch fragil ist.

Quelle:
Eddie Brummelman et al. „That’s Not Just Beautiful—That’s Incredibly Beautiful!“: The Adverse Impact of Inflated Praise on Children With Low Self-Esteem. Psychological Science

 

[Foto: Tom Wang / Shutterstock.com]

 

Kommentare

  1. Daniel Rettig says:

    Hallo Uwe, das hast du richtig gelesen. Die Erkenntnisse stammen unter anderem von Carol Dweck. Ich habe hier im Blog schon öfters drüber geschrieben:
    http://www.alltagsforschung.de/der-effort-effekt-warum-lob-auch-schaden-kann/

  2. In einem Psychologie-Buch habe ich mal gelesen, dass Kinder nie ob ihrer Eigenschaften gelobt werden sollen („wow, bist Du klug“), sondern ob ihrer Tätigkeiten („wow, hast Du Dich angestrengt“).

    Wenn sie nämlich ob ihrer Eigenschaften gelobt werden, würden sie sich nicht anstrengen, weil sie es ja nicht beeinflussen können.

    So oder so ähnlich wurde das dort beschrieben, für mich klang das sehr plausibel.

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