10 psychologische Fakten über Charisma

Die aktuelle Titelgeschichte des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ widmet sich dem Thema Charisma und fragt, ob es erlernbar sei. Da die Antwort leider weitgehend ausbleibt – hier zehn Fakten zum Thema Charisma.

Eines vorweg: Ich freue mich immer wie ein Schneekaiser, wenn deutsche Magazine psychologische Themen auf ihr Cover heben. Daher habe ich mir gestern direkt den aktuellen Spiegel heruntergeladen, um die Titelgeschichte über „Charisma“ zu lesen. Doch nach der Lektüre war ich enttäuscht.

Der Vorspann lautet:

Barack Obama hat es wiedergefunden, Angela Merkel wird es wohl nie besitzen: Charisma, die Kraft, andere zu bewegen, unsere Welt zu gestalten und nicht nur zu verwalten. Ist der Zauber erlernbar?

Das hat mich neugierig gemacht – doch der Artikel ließ mich eher ratlos zurück. Vielleicht bin ich da etwas zu sensibel, aber ich mag es nicht, wenn der Vorspann eine Frage stellt, die der Text nicht beantwortet. Noch weniger mag ich es, wenn der Autor das selbst zugibt. Im Artikel schreibt Matthias Matussek tatsächlich:

Der unübersichtlichen Charisma-Forschung lässt sich eindeutig Folgendes entnehmen: Sie ist angeboren. Oder auch nicht. Sie ist erlernbar. Es ist eine Sache der Umstände. Weiß auch nicht.

Hmm. Das fand ich dann doch ein bisschen wenig. Auch die kleine Charisma-Übung eines Erfolgscoaches, die man sich in einem Video angucken kann, konnte mich nicht so wirklich überzeugen.

Aber andererseits: Meckern kann ja jeder. Doch da das Bessere bekanntlich der Feind des Guten ist, werde ich auf den Artikel nicht weiter eingehen. Stattdessen habe ich gestern mal ein bisschen zum Thema Charisma recherchiert – und dabei diese zehn Fakten über Charisma gefunden.

1. Charisma ist erlernbar…
Zumindest wenn man John Antonakis von der Universität von Lausanne glaubt. In einer Studie arbeitete er im vergangenen Jahr mit 34 Führungskräften zusammen. Die erhielten zunächst ein umfangreiches Feedback zu ihrer Persönlichkeit. Dann arbeiteten sie eine Weile an bestimmten Verhaltensweisen, die üblicherweise als charismatisch gelten. Darunter: In Bildern sprechen, hohe Erwartungen hegen, Selbstbewusstsein transportieren. Drei Monate später bekamen sie wieder Rückmeldung zu ihrer Person und ihrem Führungsstil. Und siehe da: Wer das Training durchlaufen hatte, bekam in puncto Charisma nun höhere Werte.

2. …liegt aber auch in den Genen
Kathryn Degnan von der Universität von Maryland glaubt: Schon kurz nach der Geburt kann man erkennen, wer mal eine charismatische Persönlichkeit wird und wer eher zum stillen Nachläufer neigt. Für eine Langzeitstudie (.pdf) untersuchte sie 291 Kinder. Zu Beginn waren sie vier Monate jung, am Ende fünf Jahre alt. Ergebnis: Wer anfangs eher verschlossen war, zeigte dieses Verhalten auch noch fünf Jahre später – und umgekehrt.

3. Charisma umfasst drei Stufen
Jay Conger und Rabindra Kanungo von der McGill Universität befassten sich mit dem Thema bereits in einer Untersuchung (.pdf) im Jahr 1987. In einem Buch vier Jahre später vertraten sie die Ansicht, dass Charisma drei Stufen umfasse: Eine charismatische Führungskraft sei erstens sensibel für ihre Umgebung und die Bedürfnisse der Untergebenen; zweitens denke sie strategisch und könne das auch kommunizieren; und drittens fungiere sie als Vorbild, indem sie ihre eigenen Bedürfnisse auch schon mal zurückstelle.

4. Charismatiker hören gut zu
Kenneth Levine von der Georgia Southern Universität befragte für seine Studie 422 Studenten – und war hinterher ziemlich überrascht. Kaum jemand glaubte, dass Charisma wirklich angeboren sei. Denn die meisten Antworten verstanden darunter konkrete Fähigkeiten wie Empathie oder die Fähigkeit zuzuhören – und all das lässt ja meistens erlernen.

5. Charismatiker sprechen bildhaft
Wer charismatisch wirken will, sollte vor allem an seiner Sprache feilen. Loren Naidoo nahm sich für ihre Studie die Antrittsrede eines US-Präsidenten und schrieb sie zwei Mal um. Die eine Version beinhaltete nun mehr Bilder, die andere weniger. Dann ließ sie beide Reden von Freiwilligen bewerten. Ergebnis: Die bildhafte Rede bekam höhere Charisma-Werte.

6. Charismatische Führungskräfte steigern die Zufriedenheit…
Und zwar sowohl im Labor als auch in der Realität. So lautete das Fazit einer Studie von Amir Erez von der Universität von Florida. Probanden im Labor bewerteten charismatische Führungskräfte positiver – und Feuerwehrmänner, die einen charismatischen Chef hatten, waren glücklicher als ihre Kollegen. Vor allem deshalb, weil jene Manager mehr Zuversicht ausstrahlen.

7. …und die Bereitschaft zur Kooperation
Die niederländische Forscherin Deanne Den Hartog ist nach einer Untersuchung (.pdf) mit 115 Arbeitnehmern  überzeugt: Wer einem Charismatiker unterstellt ist, fühlt sich besser aufgehoben und ist seinem Arbeitgeber gegenüber loyaler eingestellt – und deshalb eher dazu bereit, mit seinen Kollegen zu kooperieren.

8. Charisma ist momentabhängig
Juan Pastor befragte die Probanden seiner Studie in verschiedenen Situationen, wie sie das Charisma von Führungspersönlichkeiten bewerteten. Und siehe da: Waren sie selbst gerade emotional erregt, vergaben sie höhere Punkte. Mit anderen Worten: Ob wir für Charisma anfällig sind oder nicht, hängt auch von unserer eigenen Situation ab.

9. Charisma hat auch Nachteile
Wie so oft macht die Dosis das Gift. Rakesh Khurana von der Harvard Business School warnte in einem Buch im Jahr 2006 vor den negativen Folgen charismatischer Chefs. Zwar könnten die vor allem in unsicheren Zeiten wirksam sein. Allerdings bestehe ständig die Gefahr, dass der Charismatiker in Wahrheit ein Schaumschläger sei – und seine Gefolgsleute mit seiner Ausstrahlung einlulle.

10. Charisma lässt sich abgrenzen
Wie aber unterscheidet man gute und schlechte Charismatiker? Robert House und Jane Howell legten in ihrer Studie vor allem ein Kriterium an: Ob er selbstlos oder egoistisch sei. Wenn der Charismatiker die Motivation steigere, Werte schaffe und gemeinsame Ziele fördere, habe der den Namen verdient. Falls nein, handelt es sich wohl nicht um einen echten Charismatiker. Oder einen, der sein Talent missbraucht.

 

Quellen:

1. John Antonakis, Marika Fenley und Sue Liechti, S. (2011). Can Charisma Be Taught? Tests of Two Interventions. The Academy of Management Learning and Education, Band 10, Nummer 3, 374-396

2. Kathryn Degnan et al (2010). Longitudinal Stability of Temperamental Exuberance and Social–Emotional Outcomes in Early Childhood. Developmental Psychology, Band 47, Nummer 3, Seite 765-80.

3. Jay Conger und Rabindra Kanungo (1987). Toward a Behavioral Theory of Charismatic Leadership in Organizational Settings. The Academy of Management Review, Band 12, Nummer 4, Seite 637-647

4. Kenneth Levine, Robert Muenchen und Abby Brooks (2010). Measuring Transformational and Charismatic Leadership: Why isn’t Charisma Measured? Communication Monographs, Band 77, Ausgabe 4.

5. Loren Naidoo und Robert Lord (2008). Speech imagery and perceptions of charisma: The mediating role of positive affect. The Leadership Quarterly, Band 19, Ausgabe 3, Seite 283-296.

6. Amir Erez et al (2008). Stirring the hearts of followers: Charismatic leadership as the transferal of affect. Journal of Applied Psychology, Band 93, Nummer 3, Seite 602-616.

7. Deanne Den Hartog et al (2007). The Interactive Effects of Belongingness and Charisma on Helping and Compliance. Journal of Applied Psychology, Band 92, Nummer 4, Seite 1131-1139.

8. Juan Pastor, Michael Mayo und Boas Shamir (2007) Adding fuel to fire: The impact of followers’ arousal on ratings of charisma. Journal of Applied Psychology, Band 92, Seite 1584-1596

9. Rakesh Khurana. Searching for a Corporate Savior: The Irrational Quest for Charismatic CEOs. Princeton University Press, 2004

10. Robert House und Jane Howell (1992). Personality and charismatic leadership. Leadership Quarterly, Band 3, Ausgabe 2, Seite 81-108.

[Foto: rueful unter cc-by]

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  1. […] Männer wie der Dalai Lama, George Clooney und Bill Clinton Cooper haben es, die meisten andere nicht. Die Rede ist von Charisma. Charisma scheint diesen Menschen angeboren zu sein, doch man kann man auch erlernen. Die Alltagsforschung präsentiert diese und neue weitere psychologische Fakten über das gewisse „Etwas“. […]

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