Wie man das Gehirn von Babys fördert

Entgegen der landläufigen Meinung lässt sich die Entwicklung von Babys früh unterstützen – mit entsprechender Förderung.

Ein Gastbeitrag von Audrey Van Der Meer

Viele neue Eltern denken immer noch, dass sich Babys in ihrem eigenen Tempo entwickeln sollten – und dass sie nicht zu Dingen herausgefordert werden sollten, für die sie noch nicht bereit sind.

Demnach sollten Kleinkinder lernen, aus eigener Kraft zu rollen, ohne hilfreiche Stupser. Und sie sollten nicht ihr Gewicht stemmen, bevor sie stehen oder gehen können.

Diese Denkweise stammt aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Damals waren Experten überzeugt, dass unsere Gene bestimmen, wer wir sind. Und dass die Entwicklung eines Kindes unabhängig ist von der Förderung, die es als Baby erfährt. Sie glaubten, dass es schädlich sei, die Entwicklung zu beschleunigen. Denn die sollte natürlich ablaufen.

Doch unsere Forschung zeigt, dass die Neuronen im Gehirn von kleinen Kindern schnell wachsen. Und zwar dann, wenn das Baby neue Fähigkeiten erlernt und mobiler wird.

Unsere Forschung zeigt auch, dass die Entwicklung unseres Gehirns, unserer sensorischen Wahrnehmung und unserer motorischen Fähigkeiten gleichzeitig abläuft.

In den ersten Monaten nach der Geburt können Babys nur flach auf dem Rücken liegen und an die Decke starren. Ohne sich eigenständig bewegen zu können, ist es für sie nicht so wichtig, die Richtung und Geschwindigkeit ihrer Bewegungen wahrzunehmen oder ob sich Objekte nähern oder entfernen.

Aber nach nur ein paar Wochen Kriechen zeigt sich, dass Babys diese Art von Informationen viel schneller verarbeiten. Sie sind in der Lage, zwischen visuellen Bewegungen zu unterscheiden – und dadurch entwickelt sich ihr Gehirn.

Fordern und fördern

Unsere neuen Studien zeigen: Babys müssen von Geburt an gefordert und gefördert werden. Sie müssen ihren ganzen Körper und all ihre Sinne einsetzen, um die Welt zu erforschen; verschiedene Materialien fühlen; sowohl drinnen und draußen, egal ob bei Regen oder Sonne.

Wichtig ist: Diese Erfahrungen müssen sie wortwörtlich selbst machen. Es reicht nicht aus, dass Kinder nur in einem Kinderwagen geschoben oder getragen werden.

Viele Menschen glauben, dass Kinder bis zum Alter von drei Jahren nur Streicheleinheiten und neue Windeln brauchen. Studien zeigen es aber deutlich: Andere Säugetiere wie Ratten beispielsweise, die in normalen Käfigen aufgewachsen sind, weisen im Gehirn weniger Verzweigungen auf als Ratten, die in einer Art Fitnessraum mit Klettergerüsten, Verstecken und Tunneln aufgewachsen sind. Und Kinder, die in Kulturen geboren sind, in denen frühe Förderung als wichtig betrachtet wird, entwickeln sich früher.

Die Gehirne von kleinen Kindern sind sehr verformbar. Sie können sich daran anpassen, was um sie herum geschieht. Andersherum gilt auch: Wenn die neuen Synapsen im Gehirn ungenutzt bleiben, verschwinden sie, wenn das Kind wächst. Dann verliert das Gehirn an Formbarkeit.

Deshalb ist es wichtig, dass Kinder Sprache lernen, indem sie mit echten Menschen interagieren – und nicht mit Figuren auf einem Bildschirm.

Ein Zweijähriger kann leicht lernen, zu lesen oder zu schwimmen, solange er Zugang zu Buchstaben oder Wasser hat. Allerdings sollte der Kindergarten nicht zur Vorschule mutieren, sondern ein Ort bleiben, an dem Kinder spielerisch unterschiedliche Erfahrungen machen.

Das betrifft alle Kinder, egal ob gesund oder nicht. Bei jenen mit motorischen Problemen oder eingeschränkter Seh- und Hörfähigkeit müssen wir uns umso mehr Mühe geben.

Einjährige können nicht für ihr eigenes Lernen verantwortlich sein. Sie brauchen die Unterstützung von Erwachsenen – und zwar solchen, die entsprechend geschult und ausgebildet sind. Das haben alle Kinder verdient.

Über die Autorin
Audrey Van Der Meer ist Professorin für Entwicklungsneuropsychologie an der Norwegian University of Science and Technology in Trondheim

 

 

 

[Foto: Aditya Romansa]

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