Wie du mir… – Gier ist mächtiger als Großzügigkeit

Welches Verhalten hinterlässt den größeren Eindruck: Gier oder Großzügigkeit? Laut einer neuen Studie ist Gier mächtiger. Wer von anderen egoistisch behandelt wird, übernimmt dieses Verhalten demnach wesentlich häufiger.

Ganz einfach: Person A ist nett zu Person B, die deshalb C gut behandelt. C wiederum ist freundlich zu D und so weiter – eine Kettenreaktion in Sachen Wohlwollen. Herrlich.

Weniger herrlich: Menschen benehmen sich nicht immer nur großzügig. Mal behandeln sie andere höchstens gleichwertig, mal sind sie gierig und denken nur an den eigenen Vorteil. Aber welches Verhalten geben Menschen am ehesten weiter – Gleichberechtigung, Großzügigkeit oder Gier?

Eine Antwort auf diese Frage suchte jetzt ein Forscherteam um Kurt Gray von der Universität von North Carolina in einer neuen Studie (.pdf). Um es vorwegzunehmen: Gier ist stärker als Großzügigkeit.

In fünf Experimenten konfrontierte Gray Hunderte von Probanden mit unterschiedlichen Situationen. Bei einem Spiel ging es zum Beispiel darum, einen Geldbetrag aufzuteilen. Alle bekamen einen Umschlag mit Geld, den ihnen angeblich eine andere Person hinterlassen hatte. Diese hatte zuvor sechs US-Dollar erhalten und selbst entscheiden können, wie viel sie davon abgeben wollte.

Der Clou war allerdings: Mal wurden die Probanden Empfänger von Großzügigkeit oder Gleichbehandlung, mal Opfer von Gier. Die einen fanden in dem Umschlag sechs Dollar – die andere Person war also reichlich generös gewesen. Die anderen entdeckten dort drei Dollar, die andere Person hatte halbe-halbe gemacht. Und die letzte Gruppe erhielt einen leeren Umschlag – da war aber jemand egoistisch!

Nun erhielten alle Freiwilligen selber sechs Dollar und sollten entscheiden, wie viel sie davon einer dritten Person abgeben wollten. Wenig überraschend: Wer zuvor Opfer von Gier geworden war, gab im Schnitt nur 1,30 Dollar ab. Wer drei Dollar erhalten hatte, teilte nun durchschnittlich 3,38 Dollar. Und wer sechs Dollar im Umschlag gefunden hatte, reichte 3,71 Dollar weiter.

In den weiteren Experimenten war das Ergebnis dasselbe: Gier führte zu Gier, Großzügigkeit zu Großzügigkeit. Doch egal ob es darum ging, Geld zu verschenken oder Arbeit zu verteilen – Gier war immer mächtiger als Großzügigkeit. Oder anders formuliert: Der negative Einfluss von Gier war stärker als die positive Wirkung von Großzügigkeit.

Offenbar löste es bei den Probanden enorm negative Gefühle aus, wenn sie Opfer von Gier wurden. Und davon ließen sie sich stärker beeinflussen als von Wohltaten.

Gray findet das Resultat sowohl ermutigend als auch ernüchternd. Die gute Nachrichtet lautet: Wer von anderen gleichberechtigt behandelt wird, überwindet seinen Egoismus und lässt diese Gleichberechtigung auch anderen zukommen. Die schlechte Nachricht: Wer von anderen egoistisch und gierig behandelt wird, macht sich dieses Verhalten noch stärker zu eigen.

Der Effekt von Großzügigkeit verpufft – aber Gier wirkt noch lange nach.

Quelle:
Kurt Gray, Adrian Ward und Michael Norton. Paying it Forward: Generalized Reciprocity and the Limits of Generosity. Journal of Experimental Psychology: General (in press)

[Foto: Teddy Delivery unter cc-by]

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