Wenig Mitgefühl – Gegensätze verhindern Empathie

Laut einer neuen Studie zeigen wir weniger Mitgefühl mit Menschen, die anders ticken als wir – und das wirkt sich sogar auf unsere Sinne aus.

Mit der Empathie ist es so eine Sache. Einerseits behaupten viele Menschen von sich selbst, Mitgefühl mit anderen zu haben – alles andere würde dem Image schaden. Andererseits neigen wir im Alltag häufig zu Ignoranz und Gefühlskälte. In den vergangenen Jahren haben Wissenschaftler zahlreiche Fakten über Empathie zusammengetragen, die vor allem zu einem Schluss kommen: Ob wir mit jemandem mitfühlen oder nicht, ist vor allem davon abhängig, ob wir uns mit demjenigen identifizieren können. Oder anders ausgedrückt: Tickt jemand anders als, ist es um unsere Empathie nicht besonders gut bestellt.

Wie sehr unser Einfühlungsvermögen davon geprägt wird, ob uns andere Menschen ähnlich sind, zeigt jetzt eine neue Studie (.pdf) von Ed O’Brien und Phoebe Ellsworth von der Universität von Michigan.

Für das erste Experiment sprachen die Wissenschaftler im Januar 2011 120 Studenten an – die eine Hälfte in einer warmen Unibibliothek, die andere an einer Bushaltestelle. Dazu muss man wissen, dass damals eine Durchschnittstemperatur von minus 14 Grad Celcius herrschte – nicht gerade das optimale Wetter, um sich eine Kurzgeschichte durchzulesen und danach auch noch Fragen zu beantworten. Trotzdem fanden die Forscher 60 Studenten an der Haltestelle, die dazu bereit waren. Die anderen 60 lasen die Geschichte im warmen Lesesaal.

Der Text handelte von einer Person, der im Winter zu einer Wanderung aufbricht – ohne Verpflegung, ohne Wasser, ohne winterfeste Kleidung. Zu allem Unglück verläuft sie sich auf seinem Trip zunächst und irrt durch die Gegend.

Allerdings verteilten O’Brien und Ellsworth zwei verschiedene Versionen der Geschichte. In der ersten war die Person ein Demokrat, der die Rechte von Homosexuellen stärken wollte. In der zweiten war sie ein Republikaner, der die Rechte von Homosexuellen beschneiden wollte (die männlichen Probanden lasen von einem Mann, die weiblichen von einer Frau).

Nach der Lektüre des Textes sollten sich alle Probanden in den Wanderer hineinversetzen und verschiedene Fragen beantworten: Ob er eher unter Hunger, Durst oder der Kälte leide; ob er sich am meisten nach Essen, Trinken oder Kleidung sehne; und wie sie selbst sich nun fühlten, also ob sie hungrig waren oder besonders froren.

Außerdem gaben die Teilnehmer Auskunft zu ihrer eigenen politischen Ausrichtung – ob sie eher Demokraten oder Republikaner waren und welche Meinung sie in Sachen Homosexuellen-Rechte vertraten. Und siehe da: Ihr Mitgefühl mit der Lage des Wanderers war erheblich davon abhängig, ob sie dieselben Ansichten vertraten wie er.

Teilten sie seine Meinung, sagten 94 Prozent der Probanden an der Bushaltestelle, dass der Protagonist sicher am meisten an der Kälte leide. Von den Probanden in der Unibibliothek sagten das nur 57 Prozent, wenn sie dieselben Ansichten vertraten. Der Hintergrund: Jenen an der Bushaltestelle war angesichts der frostigen Temperaturen sicher ebenfalls kalt. Und deshalb konnten sie sich besser in das Schicksal des Wanderers hineinversetzen – aber nur dann, wenn sie sich mit seiner Weltsicht identifizierten.

Völlig anders waren die Ergebnisse, wenn die Probanden sich mit der Meinung des Protagonisten überhaupt nicht anfreunden konnten. Dann entwickelten jene an der Bushaltestelle nicht besonders viel Empathie für den frierenden Spaziergänger – und die Angaben zwischen Haltestelle und Bibliothek unterschieden sich auch nicht wesentlich. Mit anderen Worten: Die unterschiedlichen politischen Ansichten führten zu weniger Einfühlungsvermögen.

Mehr Durst

In einem zweiten Experiment durften 141 Studenten zunächst salzige Snacks mampfen. Die eine Hälfte bekam dazu Wasser gereicht, die andere nicht. Will sagen: Gruppe A war danach tendenziell durstiger als Gruppe B. Nun lasen alle wieder dieselbe Geschichte, und das Ergebnis war dasselbe: Nur wenn die politischen Ansichten der Probanden mit jenen des Protagonisten übereinstimmten, entwickelten sie Mitgefühl für seine missliche Lage. Selbst die Mitglieder von Gruppe B – die die Snacks ohne Wasser serviert bekommen hatten -, ließen sich von ihrem Durst nicht beeinflussen, wenn sie den Protagonisten anders erlebten.

Offenbar fällt es uns schwer, uns in die Lage von anderen hineinzuversetzen, wenn wir mit ihnen so gar nicht einverstanden – oder sie ganz anders sind als wir. Und das könnte auch erklären, warum wir jene, die eigentlich unsere Hilfe benötigen, einfach ignorieren.

Quelle:
Ed O’Brien und Phoebe C. Ellsworth (in press). More Than Skin Deep: Visceral States Are Not Projected Onto Dissimilar Others. In: Psychological Science.

[Foto: nenzen unter cc-by]

 

 

Kommentare

  1. Vielen Dank für den interessanten Artikel! Mir zeigt er doch sehr deutlich, dass man zu viel hofft, wenn man Empathie als Lösung für all unsere Global-Gesellschaftlichen-Probleme ansieht.

    Es gibt ja sehr viele Menschen, die hoffen, dass alle Menschen irgendwann miteinander „in Empathie leben“ werden, also das jeder Mitgefühl für andere aufbringt und dass jeder auch mitleiden würde, wenn er anderen Schaden zufügt. Viele sehen dies sogar als DEN Ausweg bei aktuellen Großproblemen, wie globaler Ausbeutung, Umweltzerstörung, etc.

    Aber wie die Erfahrungen der meisten Menschen, zeigt auch diese Studie, dass Menschen eben nicht mit jedem Mitgefühl entwickeln. Der Artikel zeigt ja, dass die eigenen Ansichten und Einstellungen ebenfalls in das Empfinden von Empathie mit einfließen. Offensichtlich wollen oder können wir nur Empathie empfinden, wenn der andere uns ähnlich ist, also z.B. ähnliche Einstellungen vertritt. Ich würde sogar vermuten, dass es schon einen Einfluss hat, wenn er einfach nur ähnlich tickt wie wir.

    Aus diesen Gründen halte ich es für utopisch, darauf zu hoffen, dass sich die Welt – quasi von selbst – schon verbessern würde, wenn nur alle mehr Empathie entwickeln würden.

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