Warum hat Profit so einen schlechten Ruf?

Streben Unternehmen nach Gewinn, kann davon die Gesellschaft profitieren. Trotzdem hat Profit einen schlechten Ruf. Eine neue Studie zeigt, woran das liegt – und wie es sich ändern lässt.

Früher war nicht alles schlechter. Die menschliche Lebenserwartung zum Beispiel hat sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts von 45 auf etwa 71 Jahre gesteigert – auch dank der Fortschritte in der Medizin- und Pharmabranche.

Autos wurden dank des US-Industriellen Henry Ford und seiner Massenproduktion ebenfalls wesentlich erschwinglicher. Und während Telefonate in andere Länder früher ein kleines Vermögen kosteten, können wir dank Smartphone und Internet heute günstig mit Menschen am anderen Ende der Welt kommunizieren.

All diese Fortschritte waren auch möglich, weil Unternehmenslenker und -besitzer Risiken auf sich nahmen. Nicht nur, weil sie an ihre Ideen glaubten – sondern weil sie davon überzeugt waren, mit diesen Ideen Geld verdienen zu können.

Wer ein Geschäft profitabel betreiben will, muss irgendwas richtig machen. Unternehmen zum Beispiel müssen entweder günstigere Produkte anbieten als ihre Konkurrenten. Das gelingt ihnen aber nur, wenn sie an irgendeiner Stelle sparen. Im Einkauf, bei der Herstellung, im Vertrieb.

Oder sie bieten höhere Qualität, weil sie innovativ sind und kreativ. Dann können sie von ihren Kunden mehr Geld verlangen – und bestenfalls umso mehr verdienen.

Wichtige Errungenschaft

Ökonomen sind sich einig: Die Aussicht auf individuellen Gewinn schafft einen positiven Anreiz, von dem langfristig alle profitieren können. Eigennützige Motive zu nutzen, um gesellschaftlich Gutes zu tun, sei „vielleicht die wichtigste soziale Errungenschaft der Menschheit“, schrieb bereits in den Siebzigerjahren der US-Ökonom Charles Schultze.

Zahlreiche andere Disziplinen sehen das mit dem Profitdenken wesentlich kritischer. Religiöse Schriften und literarische Werke warnen seit Jahrhunderten vor den zerstörerischen Effekten des Gewinnstrebens. Und auch manche Ökonomen warnen, dass sich im Zuge der Globalisierung einige wenige auf Kosten vieler anderer bereichern.

Das Wort Profit hat nicht erst seit der Finanzkrise einen schlechten Ruf – aber warum eigentlich? Und lässt sich daran etwas ändern? Dieser Frage widmete sich nun der Ökonom Amit Bhattacharjee von der Rotterdam School of Management.

Intuitiv schädlich

Für seine Studie (.pdf) konzipierte er insgesamt sieben Experimente mit Hunderten von Teilnehmern. In einem legte er knapp 100 Personen eine Liste der größten US-Unternehmen vor und stellte ihnen zwei Fragen: Wie viel hat dieser Konzern im vergangenen Jahr wohl verdient (0: wenig bis gar nichts, 5: überdurchschnittlich viel)? Und wie bewerten Sie den gesellschaftlichen Beitrag des Unternehmens (0: schädlich, 3: nützlich)?

Dabei entdeckte Bhattacharjee einen interessanten Zusammenhang: Je mehr Gewinn die Befragten den Unternehmen zutrauten, desto geringer erachteten sie deren gesellschaftlichen Nutzen.

Dasselbe Resultat erhielt der Forscher, als er eine andere Gruppe von Befragten nicht nach einzelnen Unternehmen fragte, sondern nach Branchen: Jenen, die als besonders profitabel galten – Banken zum Beispiel oder Pharmaunternehmen -, trauten die Teilnehmer am ehesten zu, sich auf Kosten der Gesellschaft zu bereichern, Angestellte schlecht zu bezahlen oder Kunden abzuzocken.

Bhattacharjee sieht den Grund für das schlechte Image von Profit in einer Art Denkfalle. Die schädlichen Aspekte von Gewinnstreben seien unmittelbarer und sichtbarer als dessen positive Folgen: „Deshalb denken viele Menschen beim Wort Profit intuitiv an dessen negative Konsequenzen.“

Anscheinend gehen Menschen instinktiv davon aus, dass ein hoher Gewinn nicht mit rechten Dingen zugehen kann – erst recht nicht bei Unternehmen, die uns als anonyme Gebilde ohnehin fremder sind als Menschen.

Ob sich an diese Denke etwas ändern lässt? Womöglich.

Bewusste Hinweise

In weiteren Befragungen gab Bhattacharjee den Teilnehmern ein paar Hinweise: Mal erinnerte er sie bewusst an den potenziellen Nutzen von unternehmerischem Profitstreben. Mal wies er darauf hin, dass die Kunden freiwillig entscheiden, welche Produkte sie kaufen. Oder er deutete an, dass Unternehmen für allzu gieriges Verhalten abgestraft werden.

Und siehe da: Diese Hinweise beeinflussten die Reaktion der Freiwilligen – dann empfanden sie Profit als weniger schädlich.

Es scheint fast so, als müssten viele Menschen regelmäßig an die guten Seiten des Gewinnstrebens erinnert werden. Bhattacharjee: „Obwohl sie von den Vorteilen freier Märkte täglich profitieren, bezweifeln sie, dass die Gesellschaft davon profitiert.“

Quelle:
Amit Bhattacharjee et al (2017). Anti-Profit Beliefs: How People Neglect the Societal Benefits of Profit. Journal of Personality and Social Psychology

[Foto: Aidan Bartos on Unsplash]

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