Starrköpfe überzeugen – Warum Mythen zäh sind

Selbst wenn wir wissen, dass eine Aussage falsch ist, beeinflusst sie unser Denken und Handeln – denn Mythen sind zäh. Ein Gastbeitrag des Wissenschaftsjournalisten Sebastian Herrmann aus seinem neuen Buch „Starrköpfe überzeugen“.

Drei AffenDie Deutsche Bahn ist ein steter Quell von Ärger. Über kaum etwas regen sich Menschen so sehr auf wie über Verspätungen bei Bahnreisen. Und manchmal keimt das Gefühl auf, die Deutsche Bahn unternehme alles, um diese Wut weiter zu schüren.

Über die Bahn lässt sich vortrefflich nörgeln – es lässt sich aber von dem Transportunternehmen lernen. So wie der Lokführer seine Fahrgäste im Falle von Verspätungen mit Erklärungen besänftigen kann, so muss auch dem Starrkopf eine Erläuterung präsentiert werden, wenn man ihm Fehlinformationen austreiben will. Andernfalls ist es schier unmöglich, Gegebenheiten aus dem Geist zu löschen, die sich dort einmal breit gemacht haben.

Zähe Mythen

Mythen sind zäh und klebrig. Sobald Menschen mit ihnen in Berührung kommen, ist es sehr schwer, sie wieder davon zu befreien.

Das demonstrierten zum Beispiel die Psychologen Hollyn Johnson und Colleen Seifert. Sie legten Probanden die Schilderung eines Lagerhausbrandes vor. Ein Kurzschluss habe das Feuer ausgelöst. Die Situation sei schnell außer Kontrolle geraten, weil sich der Brandherd direkt neben einer Kammer befand, in der hoch entzündliche Stoffe wie Lacke und Gasflaschen aufbewahrt wurden. Und als die Flammen darauf übergriffen, sei die Lagerhalle kaum mehr zu retten gewesen.

Später wurden die Teilnehmer des Experiments explizit darauf hingewiesen, dass der Unfallhergang leider falsch dargestellt worden sei. Zwar habe in der Tat ein Kurzschluss den Brand ausgelöst – doch seien keinesfalls Lacke und Gasflaschen in der Kammer gelagert worden. Der Brand habe auch so rasch auf das gesamte Lagerhaus übergegriffen.

Im folgenden Test fragten die Psychologinnen ab, ob sich die Probanden diese Informationen gemerkt hatten. Fast alle gaben an, dass weder Lacke noch Gasflaschen in der Kammer gewesen seien, wenn sie direkt danach gefragt wurden. Die Korrektur der Missinformationen war ihnen also im Gedächtnis geblieben.

War das Problem damit aus der Welt? Mitnichten. Wurden die Teilnehmer zum Beispiel gefragt, warum es bei dem Brand eine starke Rauchentwicklung gegeben habe, antworteten viele von ihnen: „Weil Lack und Gasflaschen brannten.“ Obwohl sie wussten, dass in der Kammer weder Lacke noch Gasflaschen lagerten, löschten sie die korrigierten Details nicht aus ihrem Gedächtnis, sondern präsentierten sie in ihren Aussagen als Tatsachen.

In freier Wildbahn

Wenn eine Behauptung einmal in die freie Wildbahn entlassen ist, dann ist sie nur schwer wieder einzufangen – zum Beispiel ist in Dutzenden Studien nie ein Hinweis gefunden worden, dass die Masern-Mumps-Röteln-Impfung Autismus auslösen kann. Doch es reicht, dass diese Fehlinformation einmal in der Welt ist, um viele Eltern zu verunsichern. Immer wieder kommt ihnen der vermeintliche Zusammenhang in den Sinn.

Das gleiche passiert, wenn Menschen Gerüchte über andere hören, die anschließend zerstreut werden: Der Klatsch und Tratsch wirkt weiterhin als erster Filter, durch den die Betreffenden wahrgenommen und beurteilt werden.

Selbst wenn klar ist, dass Informationen nicht korrekt sind, beeinflussen sie weiterhin das Denken und Handeln. Irgendetwas bleibt immer hängen. Woran liegt das?

Mentale Modelle

Menschen basteln sich mentale Modelle von Ereignissen und Zusammenhängen. Und diese bleiben bei Widerlegungen präsent – es sei denn, sie werden durch eine neue Erklärung ersetzt. Besonders hartnäckig nisten sich Fehlinformationen in unserem Kopf ein, wenn sie Bausteine einer Geschichte sind, die aus einer Kette von Kausalitäten besteht.

So wie im Falle des Feuers in der Lagerhalle. Als erster Grund wird der Kurzschluss angegeben, dann aber noch ein zweiter: Der Lack und die Gasflaschen sollen die Eskalation des Brandes erklären. Aus dieser Kausalitätskette wird durch die Korrektur auf einmal ein Glied herausgelöst.

Das ist ein Problem: Mehrere Studien haben gezeigt, dass die Korrektur einer Fehlinformation nicht automatisch dazu führt, dass die Zuhörer spontan eine neue Interpretation der Ereignisse generieren. Da sie aber unbewusst eine kohärente Erklärung etwa des Lagerhausfeuers aufrecht erhalten wollen, werden diese neuen und richtigen Informationen in den Hintergrund gedrängt. Jedenfalls solange keine alternative Erklärung geliefert wird.

Schnäppchenjäger mit Torschlusspanik

Die Menschen verhalten sich wie ein Schnäppchenjäger mit Torschlusspanik: Bevor es auf dem Wühltisch gar keine Sonderangebote mehr gibt, schnappt man sich schnell irgendwas – Hauptsache runtergesetzt. Und so akzeptieren Menschen lieber unsinnige und unlogische Erklärungen, als gar keine zu bekommen.

Eine andere Begründung für die zähe Klebrigkeit von Mythen und korrigierten Fehlinformationen ist die kognitive Leichtigkeit, mit der diese abgerufen werden. Unsinn und Sinn fechten einen steten Streit im Geist der Starrköpfe aus. Und was sich flüssiger abrufen lässt, wird bevorzugt. Die Erinnerung daran hat sich bereits gefestigt.

„Wenn man einen Mythos entlarvt, hinterlässt man eine Lücke im Geist seines Gesprächspartners“, sagen die Wissenschaftler John Cook und Stephan Lewandowsky. Und diese Lücke muss gefüllt werden. „Um Fehlinformationen effektiv aus der Welt zu schaffen, ist es nötig, alternative Erklärungen für die Phänomene anzubieten, um die es geht.“

Wie das funktioniert, zeigen zum Beispiel Studien, in denen fiktive Mordfälle vor Geschworenen verhandelt werden. Die Chance auf einen Freispruch steigt, wenn der Angeklagte nicht nur seine eigene Unschuld zu beweisen versucht. Er muss darüber hinaus einen anderen Täter und eine plausible Version des Tathergang präsentieren. „Ich war es nicht“ reicht nicht aus. Stattdessen muss es heißen „Ich war es nicht. Es war XYZ. Und er hat das so gemacht.“

Das könnte auch für private Auseinandersetzungen hilfreich sein: Etwas nur abzustreiten, ist nicht besonders überzeugend. Erzählen Sie stattdessen, wie es wirklich war.

Einfache Erklärung

Wie es funktioniert, demonstrierte ausgerechnet die Deutsche Bahn während einer Fahrt von Mannheim nach Freiburg. Der Zug stand im Bahnhof von Offenburg. Die Weiterfahrt verzögerte sich, „wegen eines Brückenanfahrtsschadens“ lautete die Begründung in der ersten Durchsage.

In der zweiten Durchsage wiederholte der Schaffner abermals das Wort „Brückenanfahrtsschaden“, legte eine Pause ein und ergänzte: „Das heißt, ein Lastwagen ist gegen eine Brücke gefahren, über die wir mit unserem Zug müssen und jetzt muss erst geprüft werden, ob die Brücke es aushält, wenn wir mit dem ICE drüber fahren.“

Es kann so einfach und so verstehbar sein – wenn eine Erklärung für einen Vorgang geboten wird. Das schließt Informationslücken im Geist, schafft Fehlinformationen aus der Welt und kann sogar deutsche Bahnreisende besänftigen. Die Stimmung im Zug entspannte sich nach der zweiten Durchsage deutlich.

Über den Text
Diskussionen mit Esoterikern und Verschwörungstheoretikern können ziemlich anstrengend sein. Denn Menschen klammern sich gerne an Mythen, Irrtümer und liebgewonnene Ansichten. Ganz egal, wie viele Fakten auch dagegen sprechen. Was also tun? Sebastian Herrmann erklärt in seinem Buch, warum sich festgefügte Meinungen nicht allein mit Logik und Sachinformationen knacken lassen. Wer an den Starrköpfen in Alltag, Beruf und Partnerschaft nicht verzweifeln möchte, muss auf Psychologie setzen – und die richtigen Kniffe kennen.

Über den Autor
Sebastian Herrmann
Sebastian Herrmann, Jahrgang 1974, hat Politikwissenschaften, Geschichte und Psychologie in München und Edinburgh studiert. Seit 2005 ist er Redakteur im Ressort Wissen der Süddeutschen Zeitung. Dort arbeitet er als Chef vom Dienst, schreibt vor allem über Sozialpsychologie und lebt seinen Hang zu kuriosen Fakten aus. „Starrköpfe überzeugen“ ist sein sechstes Buch.

 

[Foto: Velazquez77 / Shutterstock.com]

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