Schöner Schein – Warum wir auf attraktive Menschen reinfallen

Schon klar: Wir sollten Menschen nie allein nach ihrem Aussehen bewerten. In der Realität klappt das allerdings selten. Aber wie zuverlässig ist es, von äußerer Schönheit auf innere Werte zu schließen? Eine neue Studie rät zur Vorsicht.

Sie wollten doch nur tanzen. 376 Männer und 376 Frauen hatten sich im Jahr 1966 Karten für einen Tanzball besorgt – allerdings einen ganz speziellen. Auf der Einladung stand, dass eine Maschine ihnen einen Tanzpartner zuweisen werde, der besonders gut zu ihnen passe. Sie müssten beim Ticketkauf nur kurz einige Fragen zu ihrer Persönlichkeit beantworten. Dann werde der entsprechende Partner herausgesucht.

In Wahrheit stimmte das allerdings nicht: Die 376 Paare wurden per Zufallsprinzip zusammengewürfelt – und zwar von Psychologen um Elaine Walster. Denn die Tänzer waren Teil einer heute legendären Feldstudie (.pdf). Am Tanzabend und in späteren Untersuchungen bat Walster alle Freiwilligen darum, ihren Tanzpartner zu bewerten und anzugeben, ob sie ihn (oder sie) noch mal wiedersehen wollten.

Egal ob Männer oder Frauen, das Ergebnis war fast immer gleich. Der wichtigste Faktor bei der Bewertung des Tanzpartners war nicht dessen Charme, Intelligenz, Witz, sprich: dessen Persönlichkeit. Sondern dessen Attraktivität. Je anziehender sie ihren Tanzpartner fanden, desto eher wollten sie ihn wiedersehen.

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„Ich kann nicht oft genug sagen, wie sehr ich Schönheit für eine mächtige und nützliche Qualität halte“, schrieb im 16. Jahrhundert der französische Philosoph Michel de Montaigne. „Sie nimmt den ersten Platz in menschlichen Beziehungen ein, zeigt sich vor allem anderen und verführt unser Urteilsvermögen.“

Was Montaigne ahnte, konnten Psychologen inzwischen in Hunderten von Experimenten nachweisen. Bereits im Jahr 1972 zeigte Karen Dion in einer Studie (.pdf), die Vorteile von Schönheit: Körperlich attraktive Menschen bekamen von anderen auch höhere Punktzahlen in Sachen innere Werte.

Und im Jahr 2000 bestätigte Judith Langlois in einer Übersichtsarbeit (.pdf): Sowohl attraktive Kinder als auch Erwachsene werden von anderen Menschen für sozial kompetenter gehalten, egal ob in der Schule oder im Berufsleben.

Es scheint fast so, als übertrage sich die äußere Schönheit auf innere Werte. Ein Effekt, den Karen Dion damals „What is Beautiful is Good Stereotype“ nannte. Also, frei übersetzt: Was schön ist, muss gut sein.

Aber stimmt das auch? Oder anders gefragt: Wie viel hat diese Einschätzung mit der Realität zu tun? Eine Antwort auf diese Frage suchte kürzlich die israelische Wissenschaftlerin Lihi Segal-Caspi.

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Für ihre Studie teilte sie Studenten in zwei Gruppen ein. Gruppe A bestand aus 118 Frauen. Diese sollten nun zunächst Fragebögen zu ihren Eigenschaften und Einstellungen ausfüllen – also zu ihrem Charakter.

Jetzt folgte eine kurze Videoaufnahme. Die Frauen wurden dabei gefilmt, wie sie in einen Raum gingen, in die Kamera blickten, einen kurzen Wetterbericht vorlasen und den Raum wieder verließen.

Diese Videos ließ Segal-Caspi im Anschluss von Gruppe B bewerten. 118 Personen, sowohl Männer als auch Frauen. Allerdings sah jeder immer nur ein Video – und sollte nun die Person darauf bewerten. Im Hinblick auf ihre äußere Attraktivität, also ihr Gesicht, ihren Körper oder ihre Kleidung. Aber auch auf innere Werte.

Wenig überraschend: Wieder waren die schönen Frauen im Vorteil. Die körperlich attraktiven wurden durchweg als liebenswürdiger, offenherziger, extrovertierter, gewissenhafter und emotional stabiler angesehen. Ein weiteres Indiz dafür, wie sehr wir uns von Oberflächlichkeiten leiten lassen.

Doch wie stark wir dabei einer Illusion erliegen können, zeigte der zweite Teil der Studie. Da schaute sich Segal-Caspi die Selbsteinschätzungen der Frauen genauer an – und fand keinen Zusammenhang zur Attraktivität. Mit anderen Worten: Die attraktiven Frauen verfügten häufig gar nicht über jene positiven Eigenschaften und Eigenarten, die ihnen von anderen aber zugebilligt wurden – und zwar nur auf Grundlage ihres Äußeren. Die Macht des schönen Scheins eben.

Quellen:

Elaine Walster et al (1966). Importance of physical attractiveness in dating behavior. Journal of Personality and Social Psychology, Band 4, Nummer 5, Seite 508-516.

Karen Dion, Ellen Berscheid und Elaine Walster (1972). What is beautiful is good. Journal of Personality and Social Psychology, Band 24, Nummer 3, Seite 285-90.

Judith Langlois et al (2000). Maxims or Myths of Beauty? A Meta-Analytic and Theoretical Review. Psychological Bulletin, Band 126, Nummer 3, Seite 390-423.

Lihi Segal-Caspi, Sonia Roccas and Lilach Sagiv (2012). Don’t Judge a Book by Its Cover, Revisited: Perceived and Reported Traits and Values of Attractive Women. Psychological Science, Band 23, Nummer 10, Seite 1112-1116.

[Foto: zipckr unter cc-by-sa]

Kommentare

  1. Ich glaube Sie haben zwei Fehlschlüsse gemacht. „Wenig überraschend: Wieder waren die schönen Frauen im Vorteil. Die körperlich attraktiven wurden durchweg als liebenswürdiger, offenherziger, extrovertierter, gewissenhafter und emotional stabiler angesehen. Ein weiteres Indiz dafür, wie sehr wir uns von Oberflächlichkeiten leiten lassen.“

    Jemand, der liebenswürdiger, offenherziger, extrovertierter, gewissenhafter und emotional stabiler ist, könnte attraktiver wirken. Es kann also genauso gut sein, dass die guten Bewertungen für die Attraktivität aus den erkennbaren guten inneren Werten resultieren und nicht umgekehrt.

    „Doch wie stark wir dabei einer Illusion erliegen können, zeigte der zweite Teil der Studie. Da schaute sich Segal-Caspi die Selbsteinschätzungen der Frauen genauer an – und fand keinen Zusammenhang zur Attraktivität. Mit anderen Worten: Die attraktiven Frauen verfügten häufig gar nicht über jene positiven Eigenschaften und Eigenarten, die ihnen von anderen aber zugebilligt wurden […].

    Von der Selbsteinschätzung zur eigenen Person auf die wirkliche Außenwirkung zu schließen ist nicht korrekt. Da gibt es oft erheblichste Differenzen. Eine unverhältnismäßig große Selbstkritik ist wie wir von uns selbst oder unserem Umfeld kennen dürften, recht verbreitet – oft sehen Menschen nicht das Negative was wir an uns sehen. Die als attraktiv geltenden Frauen könnten sich schlechtere Bewertungen für die inneren Werte geben als andere Menschen ihnen geben. Aber das ist kein Beweis dafür, dass sie diese von anderen Menschen attestierten besseren inneren nicht haben.

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