Schöner Schein – Ist Narzissmus sexy?

Narzissten lieben vor allem sich selbst. Doch offenbar stecken sie andere damit an. Eine neue Studie resümiert: Narzissmus steigert die sexuelle Anziehungskraft.

NarzissmusNarkissos war so schön wie stolz. Männer und Frauen begehrten die griechische Sagengestalt, doch er liebte nur sich selbst. Deshalb ließ er alle abblitzen, auch die Bergnymphe Echo und den Jüngling Ameinios. Ihm reichte Narkissos der Legende nach sogar ein Schwert, mit dem sich der Verschmähte umbrachte.

Die Götter bestraften Narkissos daraufhin mit einem Fluch: Er verliebte sich in sein eigenes Spiegelbild. Als er erkannte, wie aussichtslos seine Lage war, soll er sich selbst einen Dolch in die Brust gestoßen haben. So berichtete es zumindest der römische Dichter Ovid. Anderen Quellen zufolge ertrank er im Wasser, als er sich mit seinem Spiegelbild vereinigen wollte.

Doch egal wie Narkissos nun wirklich starb – seine Legende lebt noch heute weiter. Denn auf ihn geht nicht nur der Name einer Blume zurück, sondern auch der einer Persönlichkeitseigenschaft.

Unter Narzissmus verstehen Psychologen heute die Eigenart, sich selbst übermäßig großartig zu finden. Narzissten sind selbstverliebt und dürsten gleichzeitig ständig nach Anerkennung und Bewunderung – und das wirkt sich auf ihr Verhalten in sämtlichen Lebensbereichen aus, auch in Beziehungen.

Lange Bindungen fallen ihnen schwer, denn sie suchen ständig nach dem neuen Kick. Genau darin liegt für Evolutionspsychologen auch der Vorteil des Narzissmus. Denn die Betroffenen haben mit dieser Strategie nun mal eine höhere Wahrscheinlichkeit, sich ständig fortzupflanzen.

Aber warum sind Narzissten mit ihren Eigenschaften zumindest kurzfristig erfolgreich? Wieso fallen andere ständig auf sie rein? Oder anders formuliert: Macht Narzissmus sexy? Mit diesen Fragen beschäftigte sich jetzt Michael Dufner, Psychologe von der Berliner Humboldt-Universität, in einer neuen Studie.

Im ersten Experiment teilte er 117 Psychologiestudenten, 58 Männer und 59 Frauen, in drei Gruppen. Alle erhielten einen fiktiven Fragebogen, den eine andere Person zuvor ausgefüllt hatte (die Männer bekamen die Angaben einer Frau, die Frauen die Angaben eines Mannes)

Doch Dufner reichte jeder Gruppe eine andere Version: Der Fragebogen von Gruppe A wies sehr hohe Narzissmuswerte auf, der von Gruppe B durchschnittliche, der von Gruppe C sehr niedrige. Jetzt sollten alle Freiwilligen verschiedene Aussagen bewerten, auf einer Skala von eins (stimme überhaupt nicht zu) bis zehn (stimme voll zu).

1. Diese Person ist sexy.

2. Er/Sie wirkt auf Frauen/Männer anziehend.

3. Ich wäre gerne mit dieser Person befreundet.

4. Diese Person ist mir sympathisch.

Die ersten beiden Fragen erkundigten sich also eher nach der sexuellen Attraktivität der Person, die dritte und vierte fragte nach der menschlichen Sympathie.

Und siehe da: Gruppe A vergab bei den ersten beiden Fragen doppelt so hohe Punkte wie die Teilnehmer von Gruppe C. Bei der dritten und vierten Frage gab es zwischen den Gruppen hingegen keine signifikanten Unterschiede. Offenbar wirkte sich der Narzissmus positiv auf die sexuelle Attraktivität aus – aber nicht auf die Sympathie.

Auf den Straßen von Berlin

Zugegeben, hier ging es nur um eine fiktive Person. Deshalb verließ Dufner für ein weiteres Experiment sein Labor und ging für eine Feldstudie auf die Straßen von Berlin.

61 heterosexuelle Männer mit einem Durchschnittsalter von 25 hatten fünf Stunden Zeit, um fremde Frauen anzusprechen. Dufners Kolleginnen folgten den Männern derweil mit deren Einverständnis. Nicht nur, um die Testpersonen zu beobachten – sondern auch, um hinterher die angesprochenen Frauen zu befragen. Und siehe da: Die Narzissten waren wesentlich erfolgreicher. Sie hatten mehr Namen, Telefonnummern und E-Mail-Adressen gesammelt. Mehr noch: Die Frauen fanden die Narzissten auch attraktiver. Aber wieso?

Dufner glaubt, dass Narzissten sich tatsächlich selbst attraktiver finden. Und diese Einstellung könne zu einer gewissen Kühnheit und Unverfrorenheit führen. Vorteile also, die zumindest bei der ersten Kontaktaufnahme durchaus nützlich sind.

Narzissten sind demnach nicht generell beliebter oder gar sympathischer. Aber zumindest in Sachen sexueller Attraktivität haben sie Vorteile. Eine Prise Narzissmus macht offenbar tatsächlich sexy.

Quelle:
Michael Dufner et al (2013). Are Narcissists Sexy? Zeroing in on the Effect of Narcissism on Short-Term Mate Appeal, Personality and Social Psychology Bulletin

[Foto: Everett Collection via Shutterstock]

Kommentare

  1. Ich bin ja der Meinung, dass ein bisschen Narzissmus, bis zu einem gewissem grad natürlich durchaus positiv ist. Gestern habe ich mir einen Vortrag über den Zusammenhang zwischen Liebe und Verkauf angehört, der zweite große Punkt war: Liebe dich selbst, erst dann kannst du von ganzem Herzen andere (auch deine Kunden) lieben. Leider wird diese Erkenntnis von vielen Menschen zu ernst genommen 🙂

  2. Michael Berger says:

    Ein interessanter Artikel, ja, aber doch nichts wirklich Neues.
    Narzissmus hat aber eine große Bandbreite, deswegen möchte ich dem Vorkommentar widersprechen, dass „andere Menschen gar nicht anders können, als das früher oder später auch so zu sehen“. Es sind nicht alle mit den Attributen geboren, die einen „objektiv belegbaren“ Grund für Narzissmus geben. Auch wenn das in so gut wie durch allen Kanälen es den Leuten suggeriert wird (Du kannst es … Du kannst alles!). Die Produkte der Warenwelt können vielleicht auf dem ersten Blick blenden, aber die „nackte Wahrheit“ kommt früher oder später ans Licht. Da mag vielleicht ein mittlerer Lottogewinn das Optimum aus einer Dorfschönheit hervorholen – das postorgasmische Gespräch ist aber auch sehr wichtig.

    Kurzgesagt: Ausgesprochene Narzissten empfinde ich (Lebenserfahrung?) meißt als tragisch bis lästig, kann man nur mit Humor ertragen. Und das vertragen Narzissten oft nicht, weil dessen Natur meißt doppeldeutig ist. Ihr „Machtanspruch“ über das Gegenüber (der Spiegel) wird dadurch verunsichert.

    Aber natürlich jeder wie er will 🙂

  3. Christian Röding says:

    Wieder ein sehr interessanter Artikel. Ein Beweis für die Theorie, das wenn man sich selbst für attraktiv hält, andere Menschen gar nicht anders können, als das früher oder später auch so zu sehen.

    Eine Dankeschön für die tolle Website.

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