Sankt Martin – Stress zerstört Barmherzigkeit

Der 11.11. ist nicht nur der Beginn der Karnevalssession, sondern auch der Gedenktag zu Ehren des Heiligen Sankt Martin – dem Inbegriff für Nächstenliebe. In Wahrheit sind wir längst nicht immer so barmherzig.

Der Legende nach war Martin von Tours ab dem Jahre 334 Soldat im heutigen Frankreich. Diese trugen über ihrem Panzer traditionell die so genannte Chlamys, eine Art Mantel aus zwei Teilen. Eines kalten Wintertages begegnete Martin am Stadttor einem nackten Bettler. Dieser flehte die Passanten um Erbarmen an – aber alle gingen wortlos an ihm vorbei. In einer barmherzigen Tat nahm Martin sein Schwert, teilte seinen Mantel und gab die Hälfte dem Armen.

Diesem Akt der Nächstenliebe gedenken die Menschen am heutigen Martinstag. Die Frage ist: Sind wir immer so barmherzig?

Eine Antwort darauf lieferten zwei US-Psychologen bereits 1973 in einem heute berühmten Experiment (.pdf). John Darley und Daniel Batson von Universität Princeton ließen 47 Theologiestudenten ein kurzes Referat vorbereiten – allerdings mit unterschiedlichen Themen. Während die Gruppe die Geschichte des barmherzigen Samariters aus der Bibel wiedergeben sollte, ging es bei der anderen um die Berufsaussichten von Theologen.

In einem Fall wurden die Teilnehmer unter Zeitdruck gesetzt, so dass sie sich beeilen mussten, um rechtzeitig zum Vortrag im Hörsaal zu sein. Vor dem Gebäude hatten Darley und Batson jedoch einen Komplizen postiert: ein zusammengesunkener und augenscheinlich hilfsbedürftiger Mann, der laut aufstöhnte. Würden die gestressten Studenten anhalten und ihm helfen?

Das Ergebnis: Nur zehn Prozent kümmerten sich um den Mann – egal, ob sie sich mit den Karriereaussichten oder Barmherzigkeit auseinandergesetzt hatten. Mit anderen Worten: Die intensive Beschäftigung mit dem Thema Barmherzigkeit verhinderte nicht, dass sie den Mann ignorierten oder einfach übersahen.

Offenbar spielte der Zeitdruck eine viel größere Rolle. Denn als Darley und Batson den Teilnehmern keinen Stress vorgaukelten, halfen immerhin 45 Prozent. Wenn sie viel Zeit hatten, halfen sogar 63 Prozent. Fazit: Ob wir hilfsbereit sind oder nicht, hängt weniger von uns ab – sondern vielmehr von äußeren Bedingungen.

Es ist leider nicht überliefert, ob Martin von Tours es damals eilig hatte. Vermutlich nicht.

Mein aktuelles Buch

Sie kennen das sicher: Alte Freunde reden gerne über die Vergangenheit. Natürlich war früher nicht alles besser - aber vieles leichter. Und deshalb ist es sinnvoll und verständlich, beim Blick in den Rückspiegel des Lebens die viel zitierte rosarote Brille aufzusetzen. Gemeinsame Erinnerungen sind der Klebstoff, der die fragile Gemeinschaft zusammenhält. Und nicht zuletzt macht es ja auch Spaß, an schöne Erlebnisse zu denken. Genau um dieses Gefühl geht es in meinem Buch: “Die guten alten Zeiten – Warum Nostalgie uns glücklich macht”.

Kommentare

  1. RT @danielrettig: Sankt Martin – Stress zerstört Barmherzigkeit http://bit.ly/aCzIan

  2. RT @danielrettig: Passend zum #Martinstag: Warum Stress und Hektik die Barmherzigkeit zerstören http://bit.ly/c6gpYj #psychologie

  3. Passend zum #Martinstag: Warum Stress und Hektik die Barmherzigkeit zerstören http://bit.ly/c6gpYj #psychologie

Schreibe einen Kommentar

*

Letzter Artikel:
Nächster Artikel:
b337467985f149febbe73e4d307aade1