Rosarote Brille – Schöne Fantasie, schlechte Entscheidung

Fantasien und Tagträume sind gut und wichtig – allerdings birgen sie auch Gefahren, resümieren zwei Psychologinnen in einer neuen Studie: Mitunter führen sie zu schlechteren Entscheidungen.

Die Gesichter wechseln, ihre Botschaft bleibt dieselbe: Dutzende von Motivationscoaches appellieren seit Jahren an die Macht positiver Gedanken. Einer der prominentesten und auch skurrilsten war der gelernte Bäcker Emile Ratelband: „Tsjakkaa, du schaffst es“, posaunte er einst grinsend in jede Kamera.

Die Botschaft dahinter: Man müsse nur an seinen Erfolg glauben, sich seine Träume bloß gut genug verdeutlichen, dann werde es schon werden. Tsjakkaa!

Doch wahr ist: So einfach funktioniert das nicht. Wer allzu positiv denkt, vergisst die kritischen und negativen Aspekte der Erfolgssuche. Die rosarote Brille versperrt den Blick für die Steine, die irgendwann im Weg liegen. Mehr noch: Sie führt mitunter sogar zu schlechteren Entscheidungen. So lautet das Fazit einer neuen Studie von Heather Barry Kappes (New York Universität) und Gabriele Oettingen (Universität Hamburg).

In drei Experimenten konfrontierten sie Hunderte von Probanden mit verschiedenen Kaufentscheidungen. Mal ging es um schicke High-Heels, mal um eine Geldanlage, mal um die Suche nach dem Traumurlaub. Die Forscher stellten die Teilnehmer jedoch unterschiedlich auf die Übung ein.

Die eine Hälfte sollte ausschließlich an die angenehmen Seiten denken, die anderen sollten auch die negativen Aspekte beachten – etwa die Fußschmerzen bei hochhackigen Schuhen, das Risiko bei der Geldanlage oder die potenzielle Enttäuschung beim Traumurlaub. Und diese subtile Manipulation wirkte sich erheblich auf die Teilnehmer aus.

Im Anschluss lasen alle Probanden verschiedene Informationen über die Kaufoptionen. Und dabei verhielten sie sich völlig unterschiedlich. Wer sich die Anschaffung zuvor in schönsten Träumen ausgemalt hatte, wollte nun tendenziell wesentlich mehr positive Informationen sammeln – und neigte dazu, negative Aspekte zu vernachlässigen. Und zwar unabhängig davon, ob er (oder sie) wirklich am Kauf interessiert war oder nicht.

„Fantasien über eine idealisierte Zukunft können zu schlechteren Entscheidungen führen“, schreibt Kappes. Denn die Ausflüge ins geistige Schlaraffenland sorgen dafür, dass wir nur solche Informationen an uns heranlassen, die diese Meinung auch bestätigen – und solche ignorieren, die die Fantasie bedrohen. Aber eben solche kritischen Aspekte sind wichtig für bessere Entscheidungen. Kappes: „Träumen alleine lässt den Traum noch lange nicht wahr werden.“

Quelle:
Heather Barry Kappes und Gabriele Oettingen (2012). Wishful Information Preference: Positive Fantasies Mimic the Effects of Intentions. Personality and Social Psychology Bulletin.

[Foto: derekgavey unter cc-by]

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