Online-Verhalten – Fehlender Augenkontakt fördert die Pöbelkultur

Foren und Kommentarspalten im Internet wimmeln häufig von Beschimpfungen, Beleidigungen und Bedrohungen. Aber wieso herrscht online so oft eine Pöbelkultur? Eine Studie resümiert: Das liegt vor allem an mangelndem Augenkontakt.

„Wer glaubt die Menschheit hätte eine Zukunft, hat sich noch nie Kommentare auf Youtube durchgelesen“, schrieb kürzlich der Twitter-Nutzer @se7enben. Die Aussage ist vielleicht eine Spur zu fatalistisch, aber ganz abstreiten lässt sie sich nicht.

Man muss sich nur mal die Kommentarspalten deutscher Online-Portale durchlesen. Häufig wird dort gehetzt, gepöbelt und geschimpft – wobei die Beiträge schon bald überhaupt nichts mehr mit dem eigentlichen Artikel zu tun haben. Hauptsache, Dampf ablassen.

Nun ist daran natürlich nicht das Internet per se schuld. Aber Fakt ist, dass dessen Anonymität viele Menschen dazu bringt, sämtliche Anstandsregeln über Bord zu werfen und sich von ihrer schlechtesten Seite zu zeigen.

Der amerikanische Psychologe John Suler bezeichnete dieses Phänomen bereits in einer Studie im Jahr 2004 als online disinhibition effect, was frei übersetzt etwa „Online-Enthemmungseffekt“ bedeutet. Die Frage ist bloß: Wie entsteht diese Enthemmung? Und lässt sie sich irgendwie vermeiden? Antworten darauf liefert eine Studie (.pdf) der israelischen Wissenschaftler Noam Lapidot-Lefler und Azy Barak, die in einer Ausgabe der Fachzeitschrift „Computers in Human Behavior“ erschienen ist.

142 Freiwillige zwischen 18 und 34 setzten sich dafür an einen Monitor. Alle waren mit dem Internet vertraut, auch Chat-Programme kannten und nutzten sie. In einem solchen Chat sollten sie nun paarweise ein fiktives Problem diskutieren: „Eine Person, die Ihnen nahesteht, braucht ein bestimmtes Medikament, um zu überleben – aber nur einer aus Ihrem Team wird dieses Medikament erhalten. Einigen Sie sich darauf, wer es bekommt.“

Schau mir in die Augen

Allerdings unterteilten die Wissenschaftler die Probanden vorab in drei verschiedene Gruppen. Manche sollten vorab persönliche Details miteinander teilen – vor dem Experiment waren sie sich noch nie begegnet. Etwa: wie sie hießen, wie alt sie waren, wo sie wohnten.

Andere konnten mit Hilfe einer Webcam den Oberkörper ihres Spielpartners sehen, und wieder andere hatten diese Kamera zusätzlich auf Augenhöhe. Sie konnten sich während der folgenden Diskussion also in die Augen sehen.

Nun zogen sich die Wissenschaftler zurück und beobachteten die Diskussion. Hinterher ließen sie vier unabhängige Auswerter die Wortwahl analysieren und befragten die Teilnehmer auch selbst. Dabei interessierten sie sich für unflätige Ausdrücke („Halts Maul!“), Schimpfwörter („Du Arschloch!“), Drohungen („Ich krieg dich!“), aggressive Symbole („@#!@#@%#&“) oder zynische Ausdrücke („Typisch Frau.“)

Ergebnis: Die Gruppen griffen auf das Pöbel-Standardrepertoire völlig verschieden zu. Und bei der genauen Auswertung entdeckten Lapidot-Lefler und Barak den entscheidenden Unterschied: Es kam vor allem darauf an, ob die Probanden sich in die Augen schauten.

Am meisten beschimpften sich jene Teilnehmer, die vorab keine Daten miteinander geteilt hatten, während des Experiments nicht den Oberkörper des anderen sahen und auch nicht dessen Augen.

Doch viel verblüffender war etwas anderes: Am wenigsten beschimpften sich jene Spielpartner, die zwar vorab ebenfalls keine persönlichen Angaben geteilt hatten und während der Debatte auch nicht den Oberkörper des Partners sahen – wohl aber dessen Augen. Mehr noch: Die Anzahl der Drohungen war in den Situationen ohne Augenkontakt doppelt so hoch. „Offenbar spielt mangelnder Augenkontakt eine große Rolle bei den negativen Folgen der Online-Enthemmung“, resümiert Lapidot-Lefler.

Diese Erkenntnis deckt sich mit einer umfangreichen Auswertung des Psychologen Chris Kleinke. Der schrieb bereits 1986, dass Augenkontakt enorme Bedeutung für die zwischenmenschliche Kommunikation habe – egal ob es um Anziehung und Sympathie, Glaubwürdigkeit und Kompetenz oder Intimität und Kooperation gehe. Eine Erkenntnis, die im Internet-Zeitalter aktueller ist denn je.

Quelle:
Noam Lapidot-Lefler und Azy Barak (2012). Effects of anonymity, invisibility, and lack of eye-contact on toxic online disinhibition. Computers in Human Behavior, Band 28, Seite 434–443

[Foto: Ali Smiles unter cc-by-sa]

Kommentare

  1. Besten Dank für diesen tollen Artikel.
    Endlich eine Antwort auf viele Fragen.
    – Warum werden E-Mails oft nicht ganz korrekt verstanden?
    – Warum ist es schier unmöglich länger als 2 Jahre in einem Forum zu sein ohne dass neben einem oder mit einem Streit angefangen wird?
    – Warum kriege ich schneller Streit mit meinem Chef wenn ich ihm eine Mail schreibe anstelle persönlich auf der Matte zu stehen
    – etc. etc.
    Ich hab schon länger bemerkt, dass der Mensch grundsätzlich persönlichen Kontakt benötigt. Doch dass es mit den Augen zu tun hat. Ist doch erstaunlich. Eigentlich aber auch nicht. Sagt man doch: „…der Spiegel der Seele“
    Danke
    Yves Nater

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