Meins, meins, meins – Kluge Menschen, dumme Ideen

Ihre eigenen Ideen finden Menschen meist besonders originell – und wagt jemand Kritik, reagieren sie oft ablehnend und trotzig. Aber warum halten selbst kluge Menschen an dummen Ideen fest?

Bis eine Entscheidung getroffen oder ein Produkt entworfen ist, bedarf es langen Diskussionen. Dort müssen die Beteiligten ihre Meinung häufig ändern oder anpassen. Mal mehr, mal weniger freiwillig. Denn so richtig kann es niemand leiden, von Kollegen oder Vorgesetzten verbessert zu werden.

Die eigenen Geistesblitze finden wir meist dufte, die der anderen dämlich. Und wenn jemand etwas an unseren Einfällen auszusetzen hat, reagieren wir ablehnend oder trotzig.

Manche nennen das Phänomen Not-invented-here-Syndrom und verorten es vor allem in kreativen Berufen. Demnach überflügeln sich die Teammitglieder zwar einerseits mit Ideen. Andererseits suchen sie nicht gemeinsam nach der besten Lösung, sondern bevorzugen vor allem die eigenen Geistesblitze (und machen die anderen entsprechend schlecht).

Der renommierte US-Professor Dan Ariely bezeichnet das Eitelkeitsphänomen gerne als Ikea-Effekt. Er hat in Experimenten herausgefunden, dass Menschen Gegenstände höher einschätzen, wenn sie an ihrer Entstehung beteiligt waren.

Meins, meins, meins

Beide Begriffe basieren auf dem Prinzip des psychologischen Eigentums (psychological ownership). Dahinter steckt die Annahme, dass wir zu Dingen, die auf unseren Mist gewachsen sind – egal ob materieller oder ideeller Natur -, eine ganz besondere Beziehung aufbauen. Haben wir körperliche oder geistige Arbeit verrichtet, dann fühlen wir uns der Idee oder dem Gegenstand viel stärker verbunden. Er wird, übertrieben formuliert, zu einem Teil unserer Identität.

Nun kann das durchaus positive Folgen haben. Dann nämlich, wenn wir uns stärker engagieren und anstrengen – eben weil uns die Idee oder das Produkt am Herzen liegt. In diesem Fall, so das Kalkül, hören wir auch eher auf Feedback und Widerspruch. Weil wir wissen, dass konstruktive Kritik zur Verbesserung beiträgt.

Der Haken an der Sache: Hohe Identifikation kann auch zu Kritikresistenz führen. Selbst gut gemeinte Anregungen empfinden wir dann nicht nur als Angriff auf die Idee oder das Produkt – sondern gleichzeitig auch auf uns selbst.

Anders gesagt: Manchmal sind wir aufgeschlossen für Kritik und Veränderung, manchmal sträuben wir uns und verteidigen unsere Einfälle. Aber wann bleiben wir offen, wann ziehen wir uns zurück? Dieser Frage ist jetzt der deutschstämmige Forscher Markus Baer (Washington Universität, St. Louis) gemeinsam mit seinem Kollegen Graham Brown (Universität von Victoria) in einer neuen Studie nachgegangen.

Zwei Experimente

Im ersten Versuch sollten 102 Studenten eine Werbekampagne für ein neues Restaurant entwerfen. Allerdings erzählte Baer den Probanden, dass es bereits Entwürfe gebe. Die sollten sie nun nach eigenen Vorstellungen verändern und zur Überprüfung an ein anderes Teammitglied weiterleiten.

Das dachten die Freiwilligen zumindest. In Wahrheit sammelte Baer die Entwürfe ein und kritzelte sein Feedback darauf. Diese Anmerkungen sollten die Testpersonen nun in einem zweiten Schritt einarbeiten.

Doch Baer teilte die Studenten in zwei Gruppen. Die einen erhielten einen Entwurf, der schon so gut wie fertig war. Mit anderen Worten: Sie konnten dort keine eigenen geistigen Spuren mehr hinterlassen. Die anderen mussten noch einige fehlende Angaben machen. Sie sollten beispielsweise einen Namen für das Restaurant wählen und dessen besondere Qualitäten betonen, außerdem sollten sie ihren Namen auf den Vorschlag schreiben. Mit anderen Worten: Sie bauten zu ihm eine gewisse Beziehung auf.

Nun sammelte Baer alle Entwürfe ein und gab den Probanden nach einer Weile ein paar Anregungen – und zwar unterschiedlicher Natur. Den einen sagte er, sie sollten bitte zwei Elemente des Entwurfs entfernen. Die anderen sollten zwei Aspekte hinzufügen. Der Sinn der Sache: Der Wissenschaftler wollte wissen, ob die Probanden zu Veränderungen bereit waren – und zwar einerseits etwas von ihrem Entwurf wegzunehmen, andererseits etwas hinzuzufügen.

Und siehe da: Jene Teilnehmer, die zu der Arbeit eine größere Beziehung aufgebaut hatten, ließen sich zwar durchaus darauf ein, noch etwas hinzuzufügen. Aber sie waren reservierter, wenn es darum ging, etwas wegzunehmen und zu ersetzen.

Im zweiten Experiment mit einer neuen Gruppe von Probanden fand Baer den Grund für die Abwehrhaltung. Die Teilnehmer mit größerem persönlichem Bezug empfanden nämlich höheren persönlichen Verlust, wenn sie etwas von ihrem Vorschlag wegnehmen sollten. Außerdem reagierten sie viel verärgerter und frustrierter.

Wer sich einer Sache verbunden fühlt, reagiert auf Änderungsvorschläge anders, resümiert Baer. Er sei zwar offen für Ergänzungen – neige aber zu Ignoranz, wenn er das Gefühl habe, das man ihm etwas wegnimmt.

Eine Lektion, die laut Baer vor allem für kreative Berufe wichtig ist. Dort ist die Verfeinerung von Ideen auch abhängig von der Bereitschaft aller Beteiligten, sich von anderen reinreden zu lassen und deren Beiträge zu akzeptieren. Die Studie zeigt jedoch, dass jemand mit hohem Engagement dabei tendenziell reserviert reagiert – vor allem dann, wenn er seine Idee bedroht sieht.

Quelle:
Markus Baer und Graham Brown (2012). Blind in one eye: How psychological ownership of ideas affects the types of suggestions people adopt. Organizational Behavior and Human Decision Processes, Ausgabe 118, Seite 60–71.

[Foto: pasukaru76 unter cc-by]

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