Mauer in den Köpfen – Wie entstehen Vorurteile?

Die schlechte Nachricht: Laut einer neuen Studie sind Vorurteile wesentlicher Bestandteil unserer Psyche. Die gute: Diese natürliche Tendenz zu Klischees und Stereotypen lässt sich überwinden.

Arbeitslose sind faul, Banker geldgeil, Politiker korrupt – so lauten typische Vorurteile, die uns immer wieder begegnen, egal ob im Berufs- oder Privatleben. Die Konsequenzen sind unterschiedlich, angefangen bei gedanklichen, heimlichen Anfeindungen über tatsächliche Diskriminierung bis hinzu körperlichen Übergriffen.

Aber warum gibt es Vorurteile überhaupt? Wie und wann entstehen sie? Und lassen sie sich wirklich abbauen oder gar vermeiden? Diese Fragen beschäftigen Soziologen und Psychologen schon seit Jahrzehnten. Arne Roets und Alain Van Hiel von der Universität Gent haben sie in einer neuen Studie wieder aufgegriffen.

Die Natur des Vorurteils

Als Pionier der Vorurteilsforschung gilt der 1967 verstorbene US-Psychologe Gordon Allport. Er hielt seine Erkenntnisse bereits 1954 in seinem Werk „Die Natur des Vorurteils“ fest: „Die Vorurteile einer Person entstehen nicht bloß aus einer speziellen Einstellung gegenüber einer speziellen Gruppe“, schrieb Allport, „sondern reflektieren vielmehr dessen gesamte Denkweise.“ Mit anderen Worten: Vorurteile resultieren nicht aus Ideologie, Ignoranz oder Idiotie – sondern sie sind gewissermaßen in jedem von uns verankert.

Ein weiteres Element für die Erforschung von Vorurteilen lieferte der US-Sozialpsychologe Arie Kruglanski. Etwa 40 Jahre nach Allports Buch stellte er die so genannte need for cognitive closure theory auf. Kruglanski ging davon aus, dass jeder Mensch ein Bedürfnis nach kognitiver Geschlossenheit hat. Klingt kompliziert, ist aber ganz simpel.

Vereinfacht gesagt sind uns Konfusion und Zwiespältigkeit zuwider, denn sie stören unseren Seelenfrieden. Deshalb streben wir nach Gewissheit – und zwar schnell. Und wenn wir uns einmal eine Meinung gebildet haben, halten wir an ihr fest – komme was wolle. Kruglanskis Theorie bildet gewissermaßen den Nährboden, auf dem Vorurteile entstehen.

Fünf Aspekte

Nun ist nicht jeder gleich empfänglich für solche Stereotypen – was auch daran liegt, dass unser Bedürfnis nach Geschlossenheit unterschiedlich ausgeprägt ist. Fünf Aspekte entscheiden darüber:

1. Der Wunsch nach Ordnung. Typische Aussage: „Ich schätze ein strukturiertes Leben, Chaos ist mir zuwider.“

2. Entschlossenheit. Typisch: „Selbst wichtige Entscheidungen treffe ich schnell und entschieden.“

3. Engstirnigkeit. Motto: „Von meinen Standpunkten rücke ich ungern ab.“

4. Vorliebe für Vorhersagbarkeit. „Ich mag es nicht, mit neuen, unsicheren Situationen konfrontiert zu werden.“

5. Abneigung gegen Zwiespältigkeit. „Ich kann es nicht ausstehen, wenn jemand sich unklar ausdrückt.“

Was diese fünf Punkte mit Vorurteilen zu tun haben? Eine ganze Menge. Arne Roets und Alain Van Hiel fanden in einer Studie beispielsweise einen starken Zusammenhang zwischen dem Bedürfnis nach kognitiver Geschlossenheit und Sexismus – sowohl bei Männern als auch bei Frauen, sowohl gegenüber dem eigenen als auch gegenüber dem anderen Geschlecht.

Fassen wir also zusammen: Jeder Mensch hat ein Bedürfnis nach Geschlossenheit und Struktur – der eine mehr, der andere weniger. Kommen dazu noch der Hang zum Schubladendenken und eine Anfälligkeit für eine autoritäre Weltanschauung, kann das Vorurteil prima gedeihen.

Vorurteile sind also bereits in der menschlichen Psyche angelegt. Aber sind sie deswegen unvermeidbar? Mitnichten. Laut Arne Roets lassen sie sich durchaus mindern – vor allem durch gezielten Kontakt zur anderen Gruppe. In einer Feldstudie konnte Roets im vergangenen Jahr zeigen, dass belgische Schüler durch eine einwöchige Klassenfahrt nach Marokko ihre Vorurteile merklich abbauten – weil dadurch die Angst vor dem vermeintlich Fremden sank.

Teil unserer Psyche

Ein Ergebnis, das Gordon Allport vermutlich weniger überrascht hätte. Ihm zufolge kann ein solcher Kontakt Vorurteile durchaus reduzieren – falls vier Bedingungen erfüllt sind: Die Gruppen müssen den gleichen Status haben sowie gleiche Ziele, sie dürfen nicht im Wettbewerb zueinander stehen und das Treffen sollte von Autoritäten oder festen Normen begleitet werden. Dann ist es durchaus möglich, Vorurteile abzubauen – aber ein Teil unserer Psyche werden sie immer bleiben.

Quelle:
Arne Roets and Alain Van Hiel (2011). Allport’s Prejudiced Personality Today: Need for Closure as the Motivated Cognitive Basis of Prejudice. Current Directions in Psychological Science. Band 20, Nummer 6, Seite 349-354.

[Foto: Untitled blue unter cc-by]

Kommentare

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  1. […] und die kanadische Eishockey-Nationalmannschaft bei Weltmeisterschaften oft weit kommt. Solche Vorurteile entstehen beinahe automatisch, und im Falle sportlicher Leistungen sind sie zudem harmlos, denn ich meine es […]

  2. […] getan, denn wir neigen häufig zu voreiligen Schlüssen und Oberflächlichkeit, fast automatisch bilden wir Vorurteile. Andererseits wird unsere Einschätzung gar nicht immer präziser, wenn wir uns vorher informieren. […]

  3. […] ist es bekannt, dass bei der Entstehung von Vorurteilen immer auch die eigene Psyche eine Rolle spielt. Vereinfacht gesagt sind uns Konfusion und […]

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