Karmakonto – Machtlosigkeit fördert das Sozialverhalten

Manche Dinge können wir nur bis zu einem gewissen Punkt beeinflussen, dann müssen wir sie einfach geschehen lassen. Aber eine neue Studie resümiert: Diese Machtlosigkeit führt mitunter dazu, dass wir uns sozialer verhalten.

Schüler können für die Klausur büffeln, doch über die Noten entscheidet der Lehrer. Bewerber können sich auf ein Jobinterview vorbereiten, doch den Job vergibt der Chef. Singles können beim ersten Date mit ihrem Charme glänzen, doch wie der Abend endet – unklar.

Keine schöne Vorstellung, aber leider nicht zu ändern, denn manche Dinge stehen nicht in unserer Macht. Doch diese Hilflosigkeit führt mitunter dazu, dass wir uns sozialer verhalten.

Dieses Fazit zieht zumindest der Psychologe Benjamin Converse von der Universität von Virginia in einer neuen Studie, die bald im Fachjournal „Psychological Science“ erscheinen wird: „Wenn wir ein wichtiges Ereignis nicht mehr kontrollieren können, benehmen wir uns so, als könnten wir den Lauf des Schicksals durch sozial erwünschtes Verhalten beeinflussen“, schreibt Converse. So als ob wir auf ein geistiges Karma-Konto einzahlten.

Der Begriff „Karma“ stammt ursprünglich aus indischen Religionen. Dahinter steckt der Glaube, dass jede unserer Handlungen unmittelbare Folgen hat. Gute Taten wirken sich positiv aus, schlechte Taten negativ. Auch wenn westliche Religionen das Wort Karma nicht kennen, ist die Idee dahinter jedem geläufig. Vereinfacht gesagt: Jeder bekommt das, was er verdient. Und weil wir gerne gut leben wollen, verhalten wir uns in gewissen Situationen sozialer.

Zu diesem Ergebnis gelangte Converse in vier verschiedenen Experimenten. Beim ersten Versuch teilte er 95 Studenten in zwei Gruppen auf. Gruppe A sollte einen Aufsatz über einen Moment in ihrem Leben schreiben, bei dem ein wichtiges Ergebnis nicht in ihren Händen gelegen hatte. Gruppe B sollte von eine ihrer täglichen Routinetätigkeiten berichten.

Als sich alle Freiwilligen schon wieder auf dem Weg aus dem Labor machten, fragte der Versuchsleiter sie noch, ob sie vielleicht noch kurz Zeit hätten. Ein Kommilitone brauche da mal Hilfe für seine Abschlussarbeit. Ob sie einige Fotos begutachten könnten? Und siehe da: Aus Gruppe A halfen 94 Prozent – und von Gruppe B nur 78 Prozent.

Bei den weiteren Experimenten war das Resultat dasselbe. Egal ob die Probanden an einen Moment aus der Vergangenheit zurückdachten oder an ein ungelöstes Problem mit offenem Ausgang aus der Gegenwart  – die Konfrontation mit der eigenen Machtlosigkeit förderte das soziale Verhalten. Nun waren die Testpersonen wesentlich häufiger dazu bereit, etwas Gutes für andere Menschen zu tun. Sie investierten mehr Zeit und spendeten mehr Geld.

Mehr noch: Jene, die gewissermaßen auf ihr Karmakonto einzahlten, waren wesentlich zuversichtlicher, was den Ausgang des wichtigen Ereignisses anging. Ganz so, als ob sie sich durch die gute Tat eine Portion Optimismus besorgten. „Wer etwas will, verhält sich nicht unbedingt egoistischer“, sagt Converse, „sondern mitunter sogar selbstloser.“

Quelle:
Benjamin Converse, Jane Risen und Travis Carter (2012). Investing in Karma: When Wanting Promotes Helping. Psychological Science.

[Foto: wonderlane unter cc-by]

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