Gute Gegend – Menschen in wohlhabenden Vierteln handeln selbstloser

In den vergangenen Jahren ergaben viele Untersuchungen, dass finanzielle Vorteile dem Charakter schaden. Doch jetzt zeigt eine neue Studie: Menschen in wohlhabenden Vierteln handeln selbstloser.

Vor kurzem wurde ich auf eine neue Internetseite aufmerksam: Rich Kids on Instagram. Die will den Nutzern einen Blick in die Welt der privilegierten Jugend verschaffen. Deshalb sammelt sie Fotos, die diese Jugendlichen selbst im Netz veröffentlicht haben. Doch wer sich die Seite länger als eine Minute anschaut, wird einen erhöhten Puls nur schwer verhindern können.

Auf den Fotos tauchen wahlweise Luxuskarossen, Privatjets, Villen und Champagnerorgien auf – alles häufig garniert mit einem triumphierenden Grinsen der Jugendlichen.

Die Seite bestätigt sämtliche Klischees, die Normalverdiener über Kinder reicher Eltern haben. Dabei haben es wohlhabende Menschen ja auch nicht leicht. Nicht nur müssen sie sich um den Neid anderer sorgen. Ihre finanzielle Ausstattung wirkt sich auch auf ihre Psyche aus.

Das legten zumindest eine Reihe von Studien nahe, die in den vergangenen Jahren veröffentlicht wurden. Zwar macht Geld nicht glücklich, doch es verändert die Einstellung und fördert den Egoismus. Doch eine neue Untersuchung (.pdf) kommt jetzt zu einem anderen Ergebnis. Demnach verhalten sich Menschen in „besseren“ Stadtvierteln keineswegs egoistischer als solche in ärmeren Vierteln – ganz im Gegenteil.

Verlorene Briefe

Wissenschaftler der Universität London griffen für ihre Studie auf die lost-letter technique (Technik der verlorenen Briefe) zurück. Die geht zurück auf den legendären Sozialpsychologen Stanley Milgram. Für eine Untersuchung im Jahr 1965 verteilte er frankierte und adressierte Briefumschläge an öffentlichen Plätzen – auf Bürgersteigen, in Telefonzellen und Kaufhäusern.

Wer daran vorbeiging, konnte also denken, dass der Absender den Brief verloren habe – und ihn nun entweder aufheben und in einen Briefkasten schmeißen oder einfach liegen lassen. Ersteres wäre nicht nur nett, sondern auch selbstlos – denn man tut einem Unbekannten einen Gefallen. In Milgrams Studie hing diese Entscheidung wesentlich davon an, wer als Empfänger auf dem Brief notiert war. Ein Forschungsinstitut und eine Privatperson hatten die besten Erfolgschancen, Parteien die schlechtesten.

Dennoch bewies das Experiment, dass der Mensch durchaus zu Altruismus gegenüber Fremden fähig ist – auch ohne die Aussicht auf eine materielle oder ideelle Belohnung. Und diese Form der Selbstlosigkeit scheint in wohlhabenderen Gegenden ausgeprägter als in ärmeren.

Das behaupten zumindest die Londoner Wissenschaftler um Antonio Silva. Im Juni 2010 legten sie 300 Briefe auf die Bürgersteige in 20 verschiedenen Vierteln der englischen Hauptstadt. Auf dem Umschlag stand der Name eines Forschers (J. Holland) sowie dessen Adresse.

Nachher berechneten die Forscher, wie viele Briefe Holland erreichten. Und siehe da: In den wohlhabendsten Gegenden wurden 87 Prozent der Briefe zur Post gebracht, in den ärmsten Stadtvierteln nur 37 Prozent – wobei hier mit Wohlstand vor allem das Einkommensniveau in den Vierteln gemeint ist. Mit anderen Worten: Ein Brief, der in einem armen Viertel auf der Straße lag, hatte eine etwa 90 Prozent schlechtere Chance, seinen Empfänger doch noch zu finden als in einem gut situierten Viertel.

„Die Bewohner ärmerer Gegenden neigen offenbar weniger dazu, sich gegenüber ihren Nachbarn selbstlos zu verhalten“, resümiert Silva. Über die Ursachen kann er allerdings nur spekulieren. Womöglich sei der Zusammenhalt in diesen Gegenden schwächer, es herrsche weniger Solidarität, und eine höhere Verbrechensrate steigere das Misstrauen.

Nun heißt das noch lange nicht, dass Wohlhabende generell selbstloser sind. Doch in einer „guten“ Gegend scheinen Menschen sich auch entsprechend gut zu verhalten.

Quelle:
Jo Holland, Antonio Silva, Ruth Mace (2012). Lost Letter Measure of Variation in Altruistic Behaviour in 20 Neighbourhoods. PLoS One 7(8)

[Foto: seanfreese unter cc-by]

Kommentare

  1. Das hat Philip Zimbardo schon vor vielen Jahren in eigenen Experimenten herausgefunden und im dem Buch „Der Luzifer-Effekt: Die Macht der Umstände und die Psychologie des Bösen“ darüber bereichtet.

    PS: Das Buch ist echt sehr interessant und auf jeden Fall ein Muss, wenn man sich für Psychologie interessiert und kein Problem damit hat, mal ein paar Nächte schlecht zu schlafen 🙂

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