Glaubensfrage – Vorstellung von Intelligenz prägt den Gerechtigkeitssinn

Glauben Sie, dass Intelligenz schon bei der Geburt festgelegt wird? Oder gehen Sie davon aus, dass jeder daran arbeiten kann? Laut einer neuen Studie verrät die Antwort auch, wie Sie über soziale Ungleichheit denken.

Antwort A: Jeder Mensch kommt mit dem Potenzial auf die Welt, eines Tages hoch intelligent zu sein. Antwort B: Dieses Potenzial ist einigen Menschen vorbehalten, anderen nicht. Was würden Sie sagen, A oder B?

Die Antwort mag für Sie völlig einleuchtend sein. In Wirklichkeit hat Sie vor allem etwas mit Ihrem kulturellen Hintergrund zu tun. Denn Menschen aus westlichen Kulturen tendieren meist zu Antwort B, Menschen aus östlichen Kulturen hingegen zu Antwort A. Im Westen glaubt man eben immer noch daran, dass Intelligenz vor allem genetisch bedingt ist – und dass sie nur einigen wenigen vorbehalten ist.

Doch die Antwort auch etwas darüber aus, wie Sie über soziale Ungleichheit denken – und letztendlich auch, welche Art von Politik Sie für richtig halten. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie (.pdf) aus dem Labor der renommierten US-Forscherin Carol Dweck von der Stanford Universität.

Deren Doktorandin Aneeta Rattan beschäftigt sich schon seit einigen Jahren damit, wie sich Überzeugungen in einem Bereich auf unsere Einstellung und unser Verhalten in einem völlig anderen Bereich auswirken können – und welche Rolle dabei die Herkunft spielt.

Schon in der Vergangenheit konnten Studien zeigen, dass sich der kulturelle Hintergrund zum Beispiel enorm auf das Arbeitsethos auswirkt. So waren Japaner tendenziell stärker motiviert, an ihren Schwächen zu arbeiten als Amerikaner – eben weil sie daran glauben, dass Höchstleistungen für jeden erreichbar und nicht genetisch limitiert sind. Eine Frage, die ganze Gesellschaften prägen kann.

Größeres Gehirn

In westlichen Kulturen vertrat man seit jeher die Ansicht, dass bei Intelligenz vor allem individuelle Unterschiede eine große Rolle spielen. Im frühen 19. Jahrhundert glaubte man, die Größe des Gehirns sage viel über Intelligenz aus. Man ging davon aus, dass Menschen mit heller Hautfarbe generell ein größeres Gehirn hätten als dunkelhäutige – und dementsprechend intelligenter seien. Diese skurrilen Forschungen wurden einige Jahre später von den umstrittenen Intelligenztests ersetzt, die ebenfalls eine Art soziale Hierarchie errichteten.

Natürlich würde heute niemand offen zugeben, dass Menschen aus bestimmten Kulturen von Natur aus schlauer sind als andere. Doch offenbar spielen diese Vorstellungen zumindest unterbewusst eine Rolle.

In verschiedenen Experimenten befragte die Psychologin Rattan willkürlich ausgewählte Personen aus den USA und Indien, wie sie über Intelligenz dachten. Und jedes Mal glaubten die Inder stärker daran, dass jeder Mensch das Potenzial dazu habe, intelligent zu werden. Die Amerikaner hingegen waren der Meinung, dass nur einige Neugeborene das Potenzial für hohe Intelligenz in sich haben – und dass man diesen natürlichen Nachteil im Laufe des Lebens auch nicht mehr aufholen könne.

Diese Unterschiede haben womöglich auch gesellschaftliche Auswirkungen. Denn in weiteren Experimenten gaukelte Rattan der einen Hälfte der Probanden vor, dass jeder Mensch das Potenzial für geistige Größe habe. Die anderen stellte sie darauf ein, dass dieses Potenzial nur einigen wenigen vorbehalten sei.

Reine Glaubensfrage

Jetzt konfrontierte Rattan alle Teilnehmer mit verschiedenen politischen Maßnahmen, die alle das Ziel hatten, Geringverdienern bessere Bildung zu ermöglichen – und die Menschen mit höheren Einkommen dementsprechend stärker zu belasten. Die Probanden sollten nun angeben, ob sie diese Politik unterstützten oder nicht.

Und siehe da: Es gab einen starken Zusammenhang zwischen der Ansicht über Intelligenz und der Unterstützung der Maßnahmen. Wer glaubte, dass Intelligenz für jeden erreichbar sei, unterstützte die Förderung der finanziell Benachteiligten stärker als jene, die Intelligenz als genetisches, starres Konstrukt betrachteten. Vermutlich deshalb, weil Letztere diese Unterstützung für eine Verschwendung finanzieller Ressourcen hielten.

Die Vorstellung von Intelligenz geht also oft einher damit, dass Menschen gewisse Maßnahmen ablehnen, die die soziale Ungleichheit verringern sollen. Wie schnell sich das ins Gegenteil verkehren kann, zeigte ein weiterer Versuch. Hier wurde einer Gruppe von Amerikanern suggeriert, dass Intelligenz für jeden erreichbar sei – und schwupps: Schon waren sie dazu bereit, sozial Benachteiligte stärker zu unterstützen. Eine reine Glaubensfrage.

Quelle:
Aneeta Rattan et al (2012). Can Everyone Become Highly Intelligent? Cultural Differences in and Societal Consequences of Beliefs About the Universal Potential for Intelligence. Journal of Personality and Social Psychology.

[Foto: stevendepolo unter cc-by]

Kommentare

  1. Daniel Rettig says:

    @Dee: Mea culpa, ich war bei den Buchstaben A und B offenbar durcheinander geraten. Habe es jetzt korrigiert – vielen Dank!

  2. Sind die Antworten bei A und B vertauscht oder verstehe ich sie nur nicht? „Antwort A: Jeder Mensch kommt mit dem Potenzial auf die Welt, eines Tages hoch intelligent zu sein.“ Das heißt doch, alle Menschen sind prinzipiell gleich und wenn sie hart genug lernen/arbeiten und ihr Potential abrufen können, werden sie schlau genug?

    Darunter steht aber „Menschen aus westlichen Kulturen tendieren meist zu Antwort A“ und „Im Westen glaubt man eben immer noch daran, dass Intelligenz vor allem genetisch bedingt ist.“

    Ich hätte also eher gesagt, dass der Westen zu Antwort B tendiert, dass es also nur einige, besondere Menschen gibt, die intelligent auf die Welt kommen und die anderen machen können, was sie wollen, sie bleiben blöd (überspitzt ausgedrückt). Und der Osten tendiert dann eher zu Antwort B.

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