Freiheitsdrang – Was bringen Verbote?

Menschen lieben vor allem eines: persönliche Freiheit. Doch leider gibt es im Alltag zahlreiche Regeln und Gesetze, die unsere Freiheit einschränken. Wie reagieren Menschen auf solche Verbote?

Der eine stört sich am Rauchverbot, der andere darf auf der Arbeit nicht privat im Internet surfen – obwohl das in Wahrheit die Produktivität steigert. Egal ob im Job oder im Privatleben: Überall gibt es Regeln, Vorschriften und Gesetze, die unsere Freiheit einschränken.

Psychologen zufolge zeigen Menschen darauf zwei verschiedene Reaktionen. Die einen sind Anhänger der so genannten Rationalisierung. Dahinter verbirgt sich vereinfacht gesagt ein geistiger Prozess, bei dem wir uns die Welt gewissermaßen schön denken. Der entsteht vor allem durch einen emotionalen Konflikt. Wir hätten es gerne so, aber nun kommt es anders. Also freunden wir uns mit dem Zustand an – und reden uns ein, dass wir es schon immer so haben wollten.

Anderer Ansicht sind die Vertreter der Reaktanztheorie. Sie glauben, dass Einschränkungen vor allem zu einem führen: innerem Protest. Wenn wir etwas nicht haben dürfen, wollen wir es danach umso mehr – allein schon deshalb, um unserem Drang nach Freiheit und Unabhängigkeit Ausdruck zu verleihen. Vor einigen Monaten konnte eine britische Forscherin beispielsweise zeigen: Wer Kindern Schokolade verbietet, steigert deren Bedürfnis nur noch mehr.

Sie sehen schon: Die beiden Meinungen lassen sich kaum miteinander vereinbaren. Die Frage ist nur: Welche Theorie stimmt? Oder anders formuliert: Wann reagieren wir mit Rationalisierung – und wann mit Reaktanz?

Dieser Frage widmete sich nun ein Team von Psychologen um Kristin Laurin von der Universität von Waterloo. In ihrer Studie, die bald im Fachjournal „Psychological Science“ veröffentlicht wird, kommen die Wissenschaftler zu einem interessanten Ergebnis: Demnach hängt es vor allem davon ab, wie drastisch und vollständig die Einschränkung ist.

Im ersten Experiment lasen 76 Studenten zunächst einen Text, in dem Verkehrsexperten die Vorteile eines niedrigeren Tempolimits in Städten schilderten. Nun teilte Laurin die Teilnehmer in drei Gruppen: Die erste erfuhr, dass bald ein entsprechendes Gesetz in Kraft trete (absolute Einschränkung), die zweite las, dass das noch nicht ganz sicher wäre (relative Einschränkung), die dritte bekam keine weiteren Infos.

Nun sollten alle drei Gruppen auf einer Skala von eins bis sieben angeben, wie sehr sie die Geschwindigkeitsbegrenzung unterstützten. Und siehe da: Am größten war diese Unterstützung bei der Gruppe, die von dem bereits feststehenden Gesetz erfahren hatte. Ganz anders war das Bild bei jenen, die von einer eventuellen Einschränkung ausging: Sie wehrten sich innerlich am meisten gegen die Regelung und vergaben die niedrigste Punktzahl.

Ein ähnliches Resultat erhielt Laurin im zweiten Versuch, bei dem 258 Probanden einen Online-Test absolvierten. Hier ging es um ein Handyverbot am Steuer. Wieder sträubten sich jene am meisten, die sich noch Hoffnung darauf machten, dass ein solches Verbot vielleicht doch nie in Kraft treten würde.

„Wenn eine Einschränkung in Stein gemeißelt ist, reagieren Menschen tendenziell positiv darauf“, so Laurin. Denn dadurch spielen wir die Bedeutung dieser Regelung herunter – um besser damit klar zu kommen. Besteht hingegen nur eine kleine Chance, dass die Einschränkung vielleicht noch verhindert werden kann, kommt es zu Reaktanz. Dann wehren wir uns innerlich und lehnen die Restriktion ab.

Nach Ansicht von Kristin Laurin lassen sich ihre Erkenntnisse auch auf die aktuelle Demokratiebewegung im Nahen Osten übertragen, den so genannten Arabischen Frühling. Solange ein politisches Regime den Eindruck erwecke, dass seine Macht quasi unantastbar sei, neigten die Menschen zur Rationalisierung – sie finden sich damit ab. Sobald die Menschen jedoch merken, dass die Macht der Regierung bröckelt – womöglich auch angefacht durch die Ereignisse in Nachbarstaaten -, reagieren die Menschen mit Reaktanz. Sie wittern sprichwörtlich Morgenluft und sind eher bereit, gegen das Regime anzukämpfen.

Quelle:
Laurin, K., Kay., A. C., & Fitzsimons, G. J. Reactance versus rationalization: Divergent responses to constrained freedom. Psychological Science.

[Foto: thecrazyfilmgirl unter cc-by]

Kommentare

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  9. Daniel Rettig says:

    @Thomas: Danke für deinen Kommentar. Und ja, ich bin mir auch noch nicht sicher, welche Konsequenzen das genau hat. Mein Bauchgefühl ist eher von der Reaktanz überzeugt. Gleichwohl lässt sich nicht abstreiten, dass wir uns die Realität auch häufig „schöndenken“.

  10. Spannend. Frage mich jetzt, was das bedeutet, in einer Welt, die immer mehr Sowohl-als auch kennt, die immer mehr nach eigenem Gestaltungswillen verlangt und immer mehr Selbständigkeit fordert.

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