Falsche Prognose – Warum wir unser eigenes Verhalten falsch vorhersagen

Eigentlich müssten wir uns selbst am besten kennen – sollte man zumindest meinen. Uneigentlich zeigt eine neue Studie: Unser eigenes Verhalten schätzen wir völlig falsch ein.

Im Jahr 1999 veröffentlichten David Dunning und Justin Kruger eine heute legendäre Studie (.pdf). Die US-Psychologen wollten herausfinden, wie Studenten der Cornell Universität ihre geistigen Fähigkeiten einschätzten, etwa im Bereich logisches Denken oder Grammatik. Dunning und Kruger ließen die Teilnehmer verschiedene Tests durchlaufen – und das Ergebnis war immer gleich: Wer besonders schlecht abgeschnitten hatte, schätzte sich selbst viel besser ein. Besonders intelligente Studenten hingegen unterschätzten ihre Leistungen regelmäßig.

Die Wissenschaftler resümierten, dass inkompetente Menschen unter einer gedanklichen Verzerrung leiden: Sie überschätzen ihr eigenes Können, sind aber gleichzeitig unfähig, das Ausmaß dieser Inkompetenz zu erkennen. Daher können sie einerseits ihre Kompetenz nicht steigern, und andererseits unterschätzen sie die Fähigkeiten von anderen immer wieder. Der Name dieses Phänomens: Dunning-Kruger-Effekt.

Jetzt hat David Dunning eine neue Studie geschrieben, auf die ich im Research Digest Blog von Christian Jarrett gestoßen bin. Auch diese Untersuchung zeigt uns sehr anschaulich: Der Mensch hat eine äußerst schlechte Sicht auf sich selbst.

Hilfe beim Aufsammeln

Gemeinsam mit seiner Kollegin Emily Balcetis von der New York Universität konzipierte Dunning zwei Versuche. Darin sollten die Teilnehmer prognostizieren, wie sie selbst sich in einer bestimmten Situation verhalten würden – und was ihrer Meinung nach andere Personen tun würden.

Dabei konzentrierten sich Balcetis und Dunning auf das Thema Hilfsbereitschaft. Studien konnten in der Vergangenheit zeigen, dass unsere Solidarität vor allem von zwei Faktoren abhängt: der Gruppengröße und der Stimmung. Je mehr Personen anwesend sind, desto seltener helfen wir (siehe P.S. unten). Und: Je besser unsere Laune, desto größer unsere Hilfsbereitschaft.

Im ersten Versuch wurden 104 Studenten in zwei Gruppen unterteilt. Die einen füllten zunächst einen Fragebogen aus. Balcetis nahm ihn entgegen und schmiss Sekunden später eine Kiste mit Hunderten von Puzzleteilen um, die sich daraufhin auf dem Boden verteilten. Natürlich geschah das vermeintliche Missgeschick absichtlich: Balcetis wollte testen, ob die Studenten ihr beim Aufsammeln helfen würden. Manche beobachteten den Fauxpas in Zweier- und Dreiergrüppchen, manche waren alleine.

Die andere Hälfte der Teilnehmer las lediglich eine Beschreibung der Situation. Sie sollten nun einschätzen, ob sie Balcetis theoretisch beim Aufsammeln helfen würden – und wie viele ihrer Kommilitonen es ihnen gleichtun würden.

Dabei zeigte sich einerseits: Die Gruppengröße wirkte sich tatsächlich auf die Hilfsbereitschaft aus. Waren die Studenten allein, halfen Balcetis immerhin 50 Prozent beim Aufsammeln. Waren sie in einer Gruppe, halfen nur 23 Prozent.

Viel interessanter waren jedoch die Ergebnisse der Vorhersagen. Wenn die Studenten einschätzen sollten, ob sie alleine beim Aufräumen helfen würden, antworteten 92 Prozent mit „Ja“ – ein ziemlich großer Kontrast zur Realität. Präziser waren hingegen die Prognosen des Fremdverhaltens: Hier gingen die Studenten korrekterweise davon aus, dass ihre Kommilitonen in einer Gruppe weniger hilfsbereit sein würden.

In einem weiteren Versuch testeten die Wissenschaftler die Spendenbereitschaft von 90 Studenten. Mithilfe unterschiedlicher Videos versetzte Balcetis einige der Teilnehmer in gute Laune, die anderen hingegen in schlechte. Wieder wirkte sich die Stimmung auf die Solidarität aus: Gute Laune, hohe Hilfsbereitschaft – schlechte Laune, niedrige Hilfsbereitschaft. Und wieder zeigte sich: Ihr eigenes Verhalten sagten die Probanden ziemlich mies voraus, das ihrer Mitstreiter jedoch recht präzise.

Falsche Prognosen

Rechnet man beide Studien zusammen, ergibt sich: Das eigene Verhalten überschätzten die Probanden im Schnitt um 49 Prozent – das ihrer Mitstreiter jedoch nur um sechs Prozent. Wie kommt dieser Unterschied zustande?

Balcetis‘ Erklärung: Wenn wir unser eigenes Verhalten prognostizieren sollen, konzentrieren wir uns lediglich darauf und missachten den Einfluss der Umstände. Das gelingt uns nur dann, wenn wir andere Menschen einschätzen sollen. „Offenbar haben die meisten Menschen ein gutes Gespür für die jeweilige Situation, wenn sie sich in andere hineinversetzen sollen“, schreibt Balcetis, „aber nicht, wenn wir unser eigenes Verhalten vorhersagen sollen.“

Quelle:
Emily Balcetis & David Dunning (2011): Considering the situation: Why people are better social psychologists than self-psychologists. Self and Identity, Seite 1-15.

P.S.:
Bei jedem Notfall nimmt die Wahrscheinlichkeit, dass einem geholfen wird, mit steigender Anzahl der Umstehenden ab. Sind viele Augenzeugen anwesend, verhalten sich Menschen wie die drei Affen Mizaru, Kikazaru und Iwazaru: nichts hören, nichts sehen, nichts tun. Dieses Phänomen nennen Psychologen Bystander-Effekt.

 

[Foto: Cali4beach unter cc-by]

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