Embodiment – Treppensteigen macht hilfsbereit

Es gibt viele Erklärungen dafür, warum wir selbstlos handeln. Ein Psychologe hat jetzt eine weitere gefunden: Wir sind hilfsbereiter, wenn wir unseren Körper kurz zuvor nach oben bewegt haben – etwa nach dem Treppensteigen.

Das ist die erstaunliche Erkenntnis einer neuen Untersuchung des Psychologen Lawrence Sanna von der Universität von North Carolina, für die er sich vier verschiedene Experimente ausdachte.

Spende an der Rolltreppe
Das erste führte ihn in ein Einkaufszentrum in der US-Stadt Raleigh. An zwei Samstagen im Dezember 2009 postierte er dort drei wissenschaftliche Hilfskräfte, die sich als Spendensammler der Heilsarmee ausgaben. Jeder stand an einem anderen Ort: Der erste Helfer wartete am Ende einer Rolltreppe, mit der die Passanten eine Etage höher gefahren waren; der zweite platzierte sich an einer Rolltreppe, die nur nach unten fuhr; der dritte stand als Kontrollversuch im Erdgeschoss.

Insgesamt 1109 Einkäufer kamen in dieser Zeit an den drei vermeintlichen Spendensammlern vorbei. Ob deren Standort Auswirkung auf die Spendenbereitschaft hatte? Und ob. Von den Einkäufern, die gerade die Rolltreppe nach unten genommen hatten, spendeten nur etwa sieben Prozent. Wer die Rolltreppe nach oben gefahren war, öffnete immerhin in 16 Prozent der Fälle sein Portemonnaie.

Sanna konnte es wohl selbst kaum glauben: Wer nach oben gefahren war, spendete danach mehr als doppelt so häufig! Um das Ergebnis abzusichern, dachte sich der Psychologe noch ein weiteres Experiment aus, das ihn in einen Konzertsaal der Uni führte.

Test im Orchestergraben
Seinen 60 Probanden gaukelte Sanna vor, dass die Hochschule gerade leider einige Räume renoviere, daher seien nur bestimmte Bereiche zugänglich: Ein Teil der Freiwilligen führte er über eine etwa 1,70 Meter hohe Treppe oben auf die Bühne, eine andere begleitete er in den drei Meter tiefen Orchestergraben, die dritte durfte sozusagen im Erdgeschoss bleiben.

Als Tarnung reichte Sanna allen Teilnehmern nun einen Persönlichkeitstest und sagte ihnen, dass sie gehen könnten, sobald sie ihn ausgefüllt hätten. Nach etwa zehn Minuten unterbrach einer seiner Komplizen die Probanden und reichte ihnen einen weiteren Test, der komplizierte geometrische Aufgaben enthielt. Diesem könnten sie sich nach dem Persönlichkeitstest widmen, sagte Sanna – allerdings auf freiwilliger Basis. Wann immer sie keine Lust mehr hätten, könnten sie den Raum verlassen. Während sich alle an den Geometrie-Test machten, stoppte der Wissenschaftler die Zeit.

Ergebnis: Wieder hatte die Position erheblichen Einfluss auf die Hilfsbereitschaft. Die Teilnehmer im Orchestergraben opferten im Schnitt knapp sieben Minuten ihrer Zeit. Ganz anders das Bild derjenigen auf der Bühne: Sie widmeten sich den Tests im Schnitt etwa elf Minuten – ein Unterschied von mehr als 50 Prozent.

Bemerkenswert: Bei beiden Experimenten, sowohl im Einkaufszentrum als auch im Konzertsaal, unterschieden sich sowohl die „hohe“ als auch die „niedrige“ Position erheblich von der Kontrollgruppe. Diese lag immer genau zwischen den beiden anderen. Will sagen: Wer sich nach oben bewegte, zeigte sich großzügiger und hilfsbereiter. Wer sich dagegen nach unten bewegt hatte, war weniger selbstlos.

Doch mit diesem Ergebnis war Sanna immer noch nicht zufrieden. Denn in beiden Versuchen war es ja nur darum gegangen, mehr für jemand anderen zu tun. Sanna wollte allerdings herausfinden, ob das Treppensteigen auch dazu führt, dass wir anderen weniger Schaden zufügen. Daher konstruierte er ein weiteres Experiment mit einer dritten Gruppe.

Chili für Sadisten
Wieder saßen die einen oben auf der Bühne und die anderen unten im Konzertgraben. Allerdings war die Aufgabe jetzt eine völlig andere: Er bat die 45 Probanden um Mithilfe bei einem zugegebenermaßen fiesem Experiment.

Ein Kollege von ihm brauche dringend Unterstützung bei einem Geschmackstest, erzählte Sanna. Dabei gehe es darum, die Schärfe von Chilisoßen zu testen – und ihnen komme nun die Aufgabe zu, die Soßen selbst zusammenzumischen. Die Probanden hatten es also selbst in der Hand, wie scharf sie die Soße machten. Waren Sie besonders sadistisch und mixten eine Extraportion Chilipulver hinein? Oder zeigten sie Mitgefühl und sparten am Zungenfeuer?

Sie ahnen es sicher: Das hing von ihrer Position ab. Die Teilnehmer auf der Bühne entschieden sich im Schnitt für knapp 40 Gramm extrascharfe Soße – die im Orchestergraben nahmen jedoch mehr als 85 Gramm! Auch hierbei hatte die vertikale Position also erheblichen Einfluss auf das Verhalten. Wer oben saß, war nett, wer unten Platz nahm, wurde zum Quälix.

Der psychologische Mechanismus dahinter lautet Embodiment, was auf Deutsch so viel heißt wie „Verkörperung“. Vereinfacht gesagt steckt dahinter die These, dass sich körperliche Erfahrungen auf unser Verhalten auswirken. Wer den Gang nach oben wählt, zeigt demnach im Anschluss auch höher angesehenes Verhalten – wohingegen der Gang in den Keller auch entsprechend dunklere Werte zutage fördert.

Nach Angaben von Lawrence Sanna spielen dabei auch religiöse Vorstellungen eine Rolle: Der Himmel und das Paradies sind nunmal oben, der Teufel und die Hölle weit unten. In unserem Sprachgebrauch kommt dieser Unterschied übrigens ebenfalls vor. Zu Vorbildern blicken wir auf – und auf Fieslinge blicken wir herab.

[Update vom 13. Juli 2012: Inzwischen hat Lawrence Sanna seine Kündigung eingereicht, da offenbar starke Zweifel an seiner Studie aufgetreten sind. Mehr bei den Kollegen von Nature.]

Quelle:
Lawrence J. Sanna, Edward C. Chang, Paul M. Miceli, Kristjen B. Lundberg (2011). Rising up to higher virtues: Experiencing elevated physical height uplifts prosocial actions. In: Journal of Experimental Social Psychology, Band 47, Nummer 2, Seite 472-476.

Kommentare

  1. Felix says:

    Offenbar wurde der Artikel zurückgezogen.

    This article has been retracted at the request of the Author.

    The data reported in this article are invalid. The responsibility for this problem rests solely with the first author, Lawrence J. Sanna, and the co-authors are in no way responsible for this problem.

  2. Deshalb haben also die meisten Schulen eine Treppe vor dem Eingang ^^ – zumindest die meisten die ich kenne.

  3. Zugegeben – eine gewagte These "Treppensteigen macht reich" ;-)) zumindest aber hilfsbereit … http://ow.ly/4sq5r

  4. Embodiment – Treppensteigen macht hilfsbereit Es gibt viele Erklärungen dafür, warum wir selbstlos handeln. Ein Psycholo http://tiny.ly/RldI

  5. RT @danielrettig: Kurios: Treppensteigen macht hilfsbereit http://bit.ly/eAkQbD #psychologie

  6. Kurios: Treppensteigen macht hilfsbereit http://bit.ly/eAkQbD #psychologie

  7. Embodiment – Treppensteigen macht hilfsbereit: Es gibt viele Erklärungen dafür, warum wir selbstlos handeln. Ein… http://bit.ly/hA27gY

Trackbacks

  1. […] nun tatsächlich Einfluss auf die Spendierfreudigkeit der Passanten haben, so wie Sanna es annahm? Zunächst stützten die Befunde seine These: Besucher, die auf der Rolltreppe nach oben gefahren waren, waren im Vergleich signifikant […]

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