Einstellungssache – Optimismus ist gesünder

„Pessimisten leben länger“, hieß es in der vergangenen Woche in zahlreichen Artikeln. Dabei beweisen Dutzende von Studien: Optimismus ist wesentlich gesünder – zumindest bis zu einer gewissen Grenze.

SprungDie Pressemitteilung ist eine tolle Erfindung. Egal ob Unternehmen oder Universitäten – Institutionen können mit ihrer Hilfe mehr oder weniger interessante Neuigkeiten in den Medien platzieren. Manchmal gelingt es, manchmal nicht.

Für Journalisten ist die Pressemitteilung ebenfalls höchst praktisch. Sie können einfach die Inhalte der Mitteilung nehmen, hier und da noch ein Wort verändern – und schwupps: fertig ist der Artikel.

So geschehen zum Beispiel in der vergangenen Woche. „Pessimisten leben länger“, hieß es in einer Pressemitteilung der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Und weiter: „Allzu großer Optimismus im Alter kann zu einem erhöhten Erkrankungs- und Sterblichkeitsrisiko führen.“

Nun klingt das erstmal kurios. Warum sollte Miesepetrigkeit das Leben verlängern?

Hier wäre nun also der Moment gekommen, in dem man sich die Originalstudie (.pdf) ansehen könnte, bevor man darüber schreibt. Man könnte auch recherchieren, was andere Wissenschaftler in den vergangenen Jahrzehnten über den Zusammenhang zwischen der Lebenseinstellung und der Lebensdauer herausgefunden haben.

All das würde sicher Zeit kosten und vielleicht auch etwas mühsam sein. Und deshalb entschieden sich viele Journalisten für die dritte Möglichkeit: Sie schrieben die Pressemitteilung einfach ab – und führten die Leser damit aufs wissenschaftliche Glatteis.

Zunächst zur Originalstudie. Frieder Lang von der Friedrich-Alexander-Universität analysierte dafür Daten des Sozio-oekonomischen Panels. Eine Langzeitstudie, in deren Rahmen Wissenschaftler seit 1984 Tausende von Deutschen zu ihrem Leben befragen. Lang interessierte sich für drei Generationen: 18- bis 39-Jährige, 40- bis 64-Jährige und über 65-Jährige. Alle hatten seit 1993 einmal im Jahr angegeben, wie zufrieden sie aktuell mit ihrem Leben waren und wie zufrieden sie in fünf Jahren zu sein glaubten.

Außerdem kontrollierte er, ob die Erwartungen mit der tatsächlichen Zufriedenheit übereinstimmten. Dabei stellte er fest: Etwa jeder Dritte überschätzte seine eigene Zufriedenheit. Und das habe interessante Auswirkungen, meint Lang. Denn genau jene Befragten waren besonders empfänglich für körperliche Probleme. Mehr noch: Sie hatten ein höheres Sterberisiko.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht – aber die Aussage „Pessimismus verlängert das Leben“ halte ich angesichts der Datenlage für mindestens mutig. Und da bin ich nicht allein.

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Inzwischen gibt es zwar tatsächlich Dutzende von Untersuchungen, die einen Zusammenhang zwischen Zufriedenheit und Lebensdauer herstellen konnten. Aber sie alle kommen zu einem völlig anderen Ergebnis.

Der US-Professor Ed Diener von der Universität von Illinois wertete für eine Studie im Jahr 2011 verschiedene Forschungsarbeiten aus. Und folgerte: „Unsere Gesundheit und somit auch unsere Lebensdauer hängen von unserer Befindlichkeit ab.“ Oder genauer: Nicht gesunder Pessimismus verlängert das Leben – sondern gesunder Optimismus.

Da gibt es zum Beispiel den Roseto-Effekt. Der Mediziner Stewart Wolf untersuchte in den Sechzigerjahren ein kleines US-Dorf namens Roseto. Dort litt kaum jemand unter 65 an einer Herzerkrankung – und Herzleiden waren damals eine Volkskrankheit.

Mehr noch: Die Todesrate sämtlicher untersuchter Krankheiten war in Roseto bis zu 35 Prozent niedriger als im amerikanischen Landesdurchschnitt. Es gab keine Selbstmorde, keinen Alkoholismus, keine Drogenabhängigkeit, kaum Verbrechen, keine Magengeschwüre.

Doch weder ernährten sich die Einwohner besonders gesund noch machten sie viel Sport. Vielmehr lebten sie in großer Harmonie. Oft wohnten bis zu drei Generationen unter einem Dach, die Einwohner engagierten sich in verschiedenen Vereinen, sie spielten zusammen, feierten gemeinsam, unterhielten sich auf der Straße und beim Essen angeregt miteinander – frei von Missgunst und Materialismus. Genau diese spezielle Form des Zusammenlebens lieferte Energie und Widerstandskraft gegen das Alter.

Einen weiteren Beleg lieferte die inzwischen legendäre Nonnen-Studie. Am 22. September 1930 hatte die amerikanische Oberin eines Ordens ihren Nonnen einen Brief geschickt. Darin forderte sie die Schwestern dazu auf, ihr bisheriges Leben zusammenzufassen. In 200 bis 300 Wörtern, inklusive Geburtsort, Eltern, Schulbildung und interessanten Erlebnissen der Kindheit. Immerhin 180 handgeschriebene Autobiografien waren noch erhalten.

Die Arbeitsanweisung war zwar relativ neutral formuliert, dennoch unterschieden sich die selbst formulierten Biografien erheblich. Alle Briefe transportierten völlig unterschiedliche Emotionen. Wissenschaftler um David Snowdon durchforsteten die Briefe nach bestimmten Schlüsselwörtern, die entweder eine positive, negative oder neutrale Emotion zum Ausdruck brachten.

Aus etwa 90.000 unterschiedlichen Wörtern filterte er 1598 heraus, die eine Emotion ausdrückten. 84 Prozent waren positiv, 14 Prozent negativ, der Rest neutral. Danach analysierte Snowdon, welche Nonnen noch lebten beziehungsweise in welchem Alter sie gestorben waren. Kaum zu glauben: Es gab einen erheblichen Zusammenhang zwischen der Ausdrucksweise in der Autobiografie mit Anfang 20 und der Lebensdauer.

Jene Gruppe, die am wenigsten positive Wörter benutzt hatte, wurde im Schnitt 86,6 Jahre alt. Jene Schwestern, die die meisten positiven Wörter benutzt hatten, waren im Schnitt 93,5 Jahre alt geworden. Ein Unterschied von knapp sieben Jahren!

Mehr noch: Die Wahrscheinlichkeit, mit 90 unter der Erde zu liegen, lag bei der positiv gestimmten Gruppe bei 38 Prozent – und bei der negativ gestimmten Gruppe bei 70 Prozent. Eine positive Lebenseinstellung als junger Erwachsener ging einher mit einer deutlich erhöhten Lebenserwartung.

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Warum also fördert Optimismus die Gesundheit? Die meisten Psychologen sind davon überzeugt, dass Optimisten besser mit Rückschlägen und Problemen umgehen. Sie bewältigen und verkraften negative Ereignisse besser als Miesepeter.

Allerdings gilt auch hierbei: Man kann es mit allem übertreiben. Der Psychologe Neil Weinstein befragte für eine Studie im Jahr 1980 mehr als 300 Studenten. Er wollte von ihnen wissen, wie hoch sie die Wahrscheinlichkeit einschätzten, dass ihnen ein bestimmtes Ereignis widerfährt. Darunter waren positive Aspekte wie Langlebigkeit oder Zufriedenheit im Job, aber auch negative wie Krebs oder eine Scheidung.

Ergebnis: Im Schnitt zeigten sich die Befragten überoptimistisch. Sie glaubten, dass die schönen Dinge eher ihnen selbst passieren würden – und die negativen vor allem ihren Freunden.

Dahinter verbirgt sich „unrealistischer Optimismus“. Der kann im Alltag bisweilen ungesunde Folgen haben. Wer davon ausgeht, dass ihm selbst nichts Schlechtes widerfährt, der muss nicht auf seine Ernährung achten und kann auf das Tempolimit pfeifen.

Doch mittlerweile sind die meisten Wissenschaftler davon überzeugt, dass sich bei den meisten Menschen Optimismus und Realismus die Waage halten. Die Psychologen David Armor und Shelley Taylor zum Beispiel vertraten 1980 in einer Studie (.pdf) die Ansicht, dass wir vielen Ereignissen etwas Positives abgewinnen.

Das wiederum hinterlässt Gefühle von Kontrolle und Selbstwirksamkeit – und verstärkt den Eindruck, dass wir unser Leben im Griff haben. Außerdem können wir je nach Situation reagieren. Spätestens wenn wir mit einer tatsächlichen Gefahr konfrontiert werden, setzen wir die rosarote Brille ab.

Mit anderen Worten: Die Studie von Frieder Lang beweist mitnichten, dass Pessimismus das Leben verlängert. Wahr ist das genaue Gegenteil.

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Falls Sie herausfinden wollen, wie optimistisch Sie sind – hier ein kleiner Selbsttest.

Inwiefern treffen folgende Aussagen auf Sie zu? (0 = überhaupt nicht, 1 = eher nicht, 2 = neutral, 3 = ein wenig, 4 = stimmt genau)

1. In unsicheren Zeiten erwarte ich für gewöhnlich nur das Beste.

2. Es fällt mir leicht, mich zu entspannen.

3. Wenn etwas in meinem Leben schief gehen kann, wird es bestimmt eintreffen.

4. Ich bin bezüglich meiner Zukunft immer optimistisch.

5. Ich mag meine Freunde sehr.

6. Es ist wichtig für mich, immer beschäftigt zu sein.

7. Ich erwarte fast nie, dass mir etwas gelingt oder sich die Dinge zu meinem Besten entwickeln.

8. Ich bin nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen.

9. Ich zähle selten darauf, dass mir etwas Gutes widerfährt.

10. Im Großen und Ganzen erwarte ich eher Positives als Negatives in meinem Leben.

Auswertung:
Schritt 1: Drehen Sie die Antworten der Fragen 3,7 und 9 um. Heißt: Aus einer „0“ machen Sie eine „4“, aus einer „1“ eine „3“, aus einer „3“ eine „1“, aus einer „4“ eine „0“. Dann addieren Sie jene Werte.

Schritt 2: Rechnen Sie die Antworten der Fragen 1,4 und 10 zusammen.

Schritt 3: Ignorieren Sie die Fragen 2,5,6 und 8 – die dienen der Ablenkung.

Schritt 4: Addieren Sie die Summe aus Schritt 1 und Schritt 2. Je höher der Wert, desto optimistischer sind Sie. Der Mittelwert bei Studenten liegt übrigens bei 14,3.

Quellen:
Frieder Lang et al (2013). Forecasting Life Satisfaction Across Adulthood: Benefits of Seeing a Dark Future? Psychology and Aging

Ed Diener und Micaela Chan (2011). Happy People Live Longer: Subjective Well-Being Contributes to Health and Longevity. Applied Psychology: Health and Well-Being, Band 3, Nummer 1, Seite 1-43

Stewart Wolf et al (1992). The Roseto effect: a 50-year comparison of mortality rates. American Journal of Public Health, Band 82, Nummer 8, Seite 1089–1092

Deborah Danner, David Snowdon und Wallace Friesen (2001). Positive Emotions in Early Life and Longevity: Findings from the Nun Study. Journal of Personality and Social Psychology, Band 80, Nummer 5, Seite 804-813

David Armor und Shelley Taylor (1998). Situated optimism: Specific outcome expectancies and self-regulation. In: M. P. Zanna, Advances in experimental social psychology, Band 30, Seite 309-379

Neil Weinstein (1980). Unrealistic optimism about future life events. Journal of Personality and Social Psychology, Band 39, Nummer 5, Seite 806-820

Michael Scheier, Charles Carver und Michael Bridges (1994). Distinguishing optimism from neuroticism (and trait anxiety, self-mastery, and self-esteem): A re-evaluation of the Life Orientation Test. Journal of Personality and Social Psychology, Band 67, Nummer 6, Seite 1063-1078

[Foto: rueful unter cc-by]

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