Die Macht der Stimme – Chatten tröstet nicht

Wenn Sie das nächste Mal traurig sind und sich bei einem Freund ausheulen wollen – rufen Sie ihn lieber an, statt ihm eine E-Mail zu schreiben oder mit ihm zu chatten. Laut einer neuen Studie trösten persönliche Gespräche immer noch am besten.

Unsere Stimme ist ein mächtiges Werkzeug. Sie beeinflusst, wie wir auf andere wirken, ob wir ihnen sympathisch sind oder nicht. Psychologen haben in den vergangenen Jahren zahlreiche Fakten über die Stimme gewonnen. Frauen beispielsweise erhöhen ihre Stimme, um attraktiver zu wirken, wohingegen Männer mit tieferer Stimme Vorteile beim anderen Geschlecht haben.

Fernab von diesen amourösen Hintergründen spielt unser Sprachorgan auch in anderen Bereichen eine Rolle – etwa dann, wenn wir nahestehende Personen aufheitern oder trösten wollen. Die Stimme einer vertrauten Person zu hören, beruhigt nämlich unsere Nerven. Messbar.

Zu diesem Ergebnis kam Leslie Seltzer von der Universität von Wisconsin-Madison bereits im vergangenen Jahr. Für ihr Experiment (.pdf) ließ sie 61 Mädchen zwischen sieben und zwölf vor fremdem Publikum sprechen und Rechenaufgaben lösen – also eine tendenziell stressige Situation. Im Anschluss bekamen die Mädchen entweder eine Umarmung ihrer Mutter, wurden von selbiger angerufen oder sahen einen Film.

Seltzer untersuchte vorher und nachher die Werte des Stresshormons Cortisol und des Hormons Oxytocin, das wiederum Stress abbaut. Und siehe da: Schon die Stimme der Mutter zu hören, kurbelte bei den Kleinen die Oxytocinproduktion an.

Intime Gespräche

Fakt ist leider auch: Heutzutage finden viele Gespräche nur noch im virtuellen Raum statt – sei es über SMS auf dem Handy, E-Mails auf dem Computer oder der Chatfunktion bei Facebook. Alles schön und gut. Doch wenn es um intime, persönliche Dinge geht, taugen solche digitalen Konversationen herzlich wenig. So lautet das Fazit einer neuen Studie (.pdf), ebenfalls von Leslie Seltzer.

Der Versuchsaufbau ähnelte dem Experiment aus dem vergangenen Jahr. Diesmal unterzogen sich 68 Mädchen zwischen sieben und zwölf Jahren einem psychologischen Stresstest. Darin mussten sie 15 Minuten lang verbale und mathematische Aufgaben lösen – wieder vor fremdem Publikum.

Danach teilte Seltzer die Kleinen in vier Gruppen. Die erste Gruppe durften jetzt zu ihren Eltern gehen und 15 Minuten lang mit ihnen sprechen, die zweite blieb zunächst auf sich gestellt. Die dritte Gruppe durfte immerhin mit ihren Eltern telefonieren, die vierte mit ihnen chatten. Vor und nach dem Test nahm Seltzer den Mädchen Speichelproben ab, um die Cortisol- und Oxytocin-Werte zu bestimmen. Und siehe da: Die Interaktion mit den Eltern wirkte sich völlig unterschiedlich aus.

Cortisolwerte (oben) und Oxytocinwerte (unten)

Die Kontakt- und die Telefongruppe zeigten ähnliche Reaktionen: Bei ihnen schwankten die Cortisol-Werte kaum – ein Hinweis darauf, dass der sprachliche Austausch die Kinder beruhigte. Denn bei ihnen stiegen gleichzeitig die Oxytocin-Werte erheblich an. Ganz anders reagierten die anderen beiden Gruppen. Egal ob die Mädchen allein blieben oder mit ihren Eltern chatteten – das Cortisol stieg, das Oxytocin sank sogar (siehe Abbildung rechts). Mit anderen Worten: Der Austausch via digitaler Kommunikation beruhigte die Kinder nicht – ganz im Gegenteil.

Seltzer hat zwei Erklärungen für das Ergebnis. Zum einen gebe es verbale Kommunikation schon seit Hunderten von Millionen Jahren – schriftliche hingegen erst seit etwa 5000 Jahren. Und deshalb werde die Hormonproduktion bei sprachlichem Austausch besser und schneller angekurbelt.

Zum anderen spiele womöglich die Beziehung zwischen Mutter und Tochter eine Rolle. Die Kinder seien es inzwischen gewohnt, mit Freunden auch persönliche Probleme im Chat zu klären – nicht aber mit ihren Eltern. „Bei Stressabbau ist Chatten kein gleichwertiger Ersatz für verbalen Austausch oder persönliche Interaktion“, sagt Seltzer, „zumindest bei Müttern und jungen Töchtern.“

Und was für Eltern und Kinder gut ist, muss für erwachsene Freunde ja nicht unbedingt schlecht sein. Schon Dean Rusk, US-Außenminister unter John F. Kennedy, wusste: „Am besten überzeugt man mit den Ohren – indem man mit ihnen zuhört.“

Quelle:
Leslie J. Seltzer, Ashley R. Prososki, Toni E. Ziegler, Seth D. Pollaka (2012). Instant messages vs. speech: hormones and why we still need to hear each other. Evolution & Human Behavior, Band 33, Ausgabe 1, Seite 42-45.

[Foto: Shaun Merritt unter cc-by]

Kommentare

  1. Kann ich sehr gut nachvollziehen, dass einfaches Chatten nicht hilft, dass man die Stimme des anderen hören will bzw. muss. Aber es gibt ja mittlerweile auch dafür genügent Möglichkeiten, auch dass man sich dabei noch sehen kann!

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