Die Macht der Gewohnheit – Können wir langfristig glücklich bleiben?

Ist es möglich, langfristig glücklich zu bleiben? Oder nimmt das Glücksgefühl zwangsläufig ab? Zwei US-Forscher haben in einer neuen Studie zwei Wege gefunden, mit deren Hilfe wir unser Glücksgefühl konservieren können.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier – und das ist auch gut so. Es wäre kaum zu ertragen, wenn wir uns von jedem beruflichen Rückschlag und jeder privaten Enttäuschung langfristig aus der seelischen Bahn werfen ließen. Stattdessen finden wir uns irgendwann mit schlechten Erfahrungen ab.

Psychologen bezeichnen diesen Prozess als hedonische Anpassung (hedonic adaptation). Vereinfacht gesagt: Wir lernen, mit negativen Ereignissen zu leben. Die Zeit heilt eben so manche Wunde. Beim einen schneller, beim anderen langsamer.

Andererseits hat unser Selbstheilungsmechanismus auch Nachteile. Denn was für negative Erfahrungen gilt, das gilt für positive genauso. Oder anders formuliert: Auch an schöne Erlebnisse gewöhnen wir uns früher oder später.

Der Psychologe Philipp Brickman fand bereits im Jahr 1978 in einer Studie heraus, dass Lottogewinner 18 Monate nach der freudigen Nachricht keinesfalls glücklicher waren als jene, die in der Lotterie leer ausgegangen waren. Sein Kollege Richard Lucas wiederum resümierte in einer Untersuchung im Jahr 2003, dass Deutsche unmittelbar nach der Heirat zwar kurzfristig mehr Glück empfanden, dieser Effekt zwei Jahre später aber schon wieder verpufft war. Und als die Wissenschaftlerin Wendy Boswell für ihre Studie im Jahr 2005 fünf Jahre lang Führungskräfte begleitete, stellte sie fest: Unmittelbar nach einer Beförderung strahlte den Managern die Sonne buchstäblich aus Leib und Seele – doch innerhalb eines Jahres war dieses Glücksgefühl wieder verschwunden.

Heißt das im Umkehrschluss, dass wir unsere Zufriedenheit gar nicht nachhaltig steigern können? Dass wir langfristig gar nicht glücklicher werden können, weil wir immer wieder auf den Ursprungszustand zurückfallen? Diesen Fragen widmete sich jetzt die renommierte Glücksforscherin Sonja Lyubomirsky von der Universität von Kalifornien in Riverside in einer neuen Studie (.pdf).

Drei Umfragen

Gemeinsam mit ihrem Kollegen Kennon Sheldon (Universität von Missouri) befragte sie 476 Studenten an drei unterschiedlichen Zeitpunkten. Jeweils im Abstand von sechs bis acht Wochen sollten sie einen umfangreichen Fragebogen ausfüllen und darin Angaben zu ihrem seelischen Wohlbefinden machen. Beim zweiten Termin sollten sie sich außerdem an irgendetwas erinnern, das ihr Leben seit der ersten Befragung verschönert hatte – sei es eine materielle Anschaffung, eine neue Freundschaft oder eine persönliche Veränderung.

Beim dritten Termin einige Wochen später sollten die Probanden sich diese Veränderung wieder in den Kopf rufen. Der Sinn der Sache: Lyubomirsky und Sheldon wollten herausfinden, ob die Teilnehmer davon immer noch profitierten oder ob sie sich bereits daran gewöhnt hatten.

Wenig überraschend: Der Gewöhnungseffekt war ziemlich beträchtlich. Viele Probanden dachten im Alltag weniger an die Veränderung, zogen daraus weniger Glücksgefühle und wussten sie bereits weniger zu schätzen. Viele Probanden – aber längst nicht alle. Einige zehrten immer noch von der Veränderung und sahen sie noch nicht als selbstverständlich an. Was machten sie anders?

Abwechslung und Wertschätzung

Zum einen galt: Je häufiger die Probanden an die Veränderung und ihre positiven Aspekte dachten, desto glücklicher waren sie. Mit anderen Worten: Sie profitierten davon, die Veränderung wertzuschätzen, denn diese Wertschätzung sorgte für Abwechslung. Und die wirkte dem Gewöhnungseffekt entgegen.

Zum anderen jedoch war es offenbar entscheidend, nicht allzu häufig an die Zeit vor der Veränderung zu denken. Wer das tat, war umso eher darauf aus, sich noch weiter zu verbessern. Er akzeptierte nicht, was er hatte, sondern wollte noch mehr. Das beeinflusste die Gefühlswelt jedoch negativ – und damit das Glücksgefühl.

Das ständige „Streben nach Mehr“ mag notwendig sein, um persönlich zu wachsen – doch dabei sollte man sich trotzdem Zeit dafür lassen, ab und zu mal innezuhalten und die schönen Dinge des Lebens zu genießen.

„Wer sein Leben wertschätzt und daraus unterschiedliche Erlebnisse ziehen kann, macht das meiste daraus“, resümieren die Forscher, „anstatt rastlos einer Illusion oder angeblich perfekten Zukunft hinterherzurennen.“

Keine wirklich revolutionäre Erkenntnis – aber trotzdem eine, die man nicht oft genug betonen kann.

Quelle:
Kennon M. Sheldon und Sonja Lyubomirsky. The Challenge of Staying Happier: Testing the Hedonic Adaptation Prevention (HAP) Model. In: Personality and Social Psychology Bulletin, in press.

[Foto: Jason Hargrove unter cc-by]

Kommentare

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