Der Werther-Effekt – Warum die Medien bei Selbstmorden sensibel sein müssen

Heute jährt sich der Tod des ehemaligen Fußballprofis Robert Enke zum zweiten Mal. Ebenso tragisch: Sobald Medien intensiv über einen Selbstmord berichten, löst das Nachahmer aus. Der Name dieses Phänomens: Werther-Effekt.

Gelbe Hose, gelbe Weste, blauer Rock – diese eigenwillige Farbkombination wählte Johann Wolfgang Goethe für den Helden des Romans „Die Leiden des jungen Werther“. Die Handlung der Geschichte: Der angehende Jurist Werther hat sich unsterblich in Lotte verliebt, die allerdings schon mit Albert verlobt ist. Also beklagt sich Werther bei einem Freund immer wieder in Briefen über seine unerfüllte Sehnsucht.

Werther (rechts) mit seiner Angebeteten Lotte

Werther (rechts) mit seiner Angebeteten Lotte

Das Ende ist tragisch: Weil Werther nicht ohne Lotte leben will, erschießt er sich. Nicht unbedingt eine der brillantesten Ideen Goethes – denn damit ging alles erst los. Als die Erstausgabe 1774 erschien, war Goethe noch weitgehend unbekannt, doch das änderte sich schlagartig. Nicht trotz, sondern wegen der tragischen Handlung.

Ungeheure Wirkung

Für die Jugendlichen der damaligen Zeit war Werther ein echter Held. Und so entstand erstmals so etwas wie Merchandising: Es gab Werther-Mode und Werther-Tassen. „Die Wirkung dieses Büchleins war groß“, schrieb Goethe später, „ja ungeheuer.“

Wie wahr. Parallel zur Werther-Mode häuften sich kurz nach Erscheinen des Buchs in verschiedenen Ländern Europas die Suizide junger Männer. Viele trugen dabei gelbe Hose, gelbe Weste und blauen Rock. Andere hatten den Roman in der Tasche, als sie aus dem Leben schieden. Manche Mütter gaben daraufhin Goethe die Schuld: „Auch mein Sohn hatte mehrere Stellen im Werther angestrichen. Von euch wird Gott Rechenschaft fordern“, klagte eine. Man könnte dieses Drama abtun als Phänomen der damaligen Zeit. Und läge damit dramatisch daneben – denn die Gesetzmäßigkeit gibt es nach wie vor.

Auch wenn das Medium Buch inzwischen von Fernsehen, Radio und Internet überholt wurde – den Nachahmersog lösen sie ebenfalls aus. Als Werther-Effekt benannt hat ihn ein Amerikaner, der Soziologe David Philipps. Genau 200 Jahre nach dem Erscheinen von Goethes Werk veröffentlichte er eine Studie, in der er zum Schluss kam, dass es einen kausalen Zusammenhang gibt zwischen der Berichterstattung über Selbstmorde und Suiziden in der Gesamtbevölkerung. Bei 26 von 33 untersuchten Suiziden fand Philipps Hinweise auf einen klaren Werther-Effekt – und zwei weitere Wirkungsketten.

Zum einen stieg die Zahl der Selbstmorde umso stärker, je mehr Medien über den Selbstmord berichtet hatten. Füllte der Fall nur einen Tag die Schlagzeilen, kletterte die Suizidrate im Schnitt um 29 Nachahmer; berichteten die Blätter zwei Tage über den Selbstmord, motivierte das bereits 35 Lebensmüde, dem Beispiel zu folgen; bei drei Tagen waren es ganze 82.

Zum anderen entdeckte Philipps einen deutlichen Zusammenhang mit der Popularität des Opfers: Je prominenter das war, desto größer die Zahl der Nachahmer. Trauriger Höhepunkt: Nach dem Selbstmord der US-Schauspielerin Marilyn Monroe brachten sich in den USA 198 Menschen mehr um, als statistisch gesehen normal ist.

Falscher Schluss

Den Schluss daraus zu ziehen, dass die Medien deshalb gar nicht mehr über den Freitod von Prominenten berichten dürfen, wäre allerdings genauso verkehrt. Es sind Personen des öffentlichen Lebens, entsprechend groß ist das Bedürfnis der Gesellschaft, etwas über die Hintergründe ihres gewählten Ablebens zu erfahren. Psychologen mahnen Medien im Sinne des Werther-Effekts aber zu größerer Sensibilität: Es komme darauf an, wie über den Selbstmord berichtet werde.

So fand der österreichische Psychiater Gernot Sonneck schon in den Achtzigerjahren heraus, dass sich selbstmordgefährdete Jugendliche von einer ganz bestimmten Art der Berichterstattung beeinflussen lassen: Besonders heikel ist es demnach, den Selbstmord als etwas Heldenhaftes und Erleichterndes zu schildern. Deshalb sollte zum Beispiel der Begriff „Freitod“ konsequent vermieden werden, da er den Selbstmord tendenziell verklärt und verherrlicht.

Dass sich Jugendliche in diesem Sinne von drastisch formulierten Berichten positiv beeinflussen lassen, zeigt das Beispiel Kurt Cobains. Als sich der Frontmann und Gitarrist der amerikanischen Rockband Nirvana am 5. April 1994 in Seattle eine Kugel in den Kopf jagte, schilderten die Medien grausame Details: Cobains Gesicht sei so entstellt gewesen, dass er nur anhand seiner Fingerabdrücke identifiziert werden konnte. Bei der Trauerfeier wurde den Fans zudem ein Tonband von Cobains Witwe Courtney Love vorgespielt, die nicht nur den Tod ihres Mannes beklagte, sondern ihn auch für seine Feigheit beschimpfte. Effekt: Die Selbstmordwellen blieben aus.

Ganz anders dagegen die Berichterstattung über den Selbstmord Robert Enkes. Als sich der an schwerer Depression erkrankte Nationaltorhüter vor genau zwei Jahren an einem Bahnübergang im niedersächsischen Eilvese vor einen Zug warf, breitete vor allem die „Bild“-Zeitung sämtliche Details aus: Enkes letzte Stunden, Fotos seines geparkten Autos. Die rührende Trauerfeier wurde live im Fernsehen übertragen, eine Schülerin sang das Lied von Enkes Verein („96, alte Liebe“).

Enkes Ableben wurde in einer Weise heroisiert, die zwar die tiefe Anteilnahme der Menschen mit einem Idol spiegelte, jedoch die damit verbundenen Gefahren völlig verantwortungslos ausblendete. Hinter vorgehaltener Hand bestätigen denn auch Experten, dass in den Monaten danach die Zahl der Selbstmörder auf deutschen Bahnstrecken sprunghaft anstieg. Der Werther-Effekt wirkte. Leider.

[Foto: Wikimedia Commons]

Kommentare

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