Das große Ganze – Widerstände machen kreativ

Ablenkungen und Versuchungen schaden häufig der Konzentration. Doch eine neue Studie behauptet: Hindernisse können durchaus kreativer machen – weil sie unsere Sicht auf die Dinge verändern.

Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Im Alltag läuft selten etwas genau so, wie wir es vorher erwartet haben. Überall lauern Überraschungen und Widerstände, die uns den direkten Weg zum Ziel verbauen. Schon ärgerlich, oder?

Nicht unbedingt, meint zumindest Janina Marguc. Die Doktorandin von der Universität von Amsterdam hat sich in einer neuen Studie mit den Auswirkungen geistiger Ablenkungen beschäftigt – und kommt dabei zu einem durchaus überraschenden Ergebnis: Demnach können Widerstände uns sogar kreativer machen. Es kommt bloß darauf an, wie wir mit ihnen umgehen.

In sechs unterschiedlichen Versuchen testete Marguc, wie sich Störungen und Hindernisse auf den Einfallsreichtum der Probanden auswirkten. In einem Experiment sollten 25 Studenten verschiedene Anagramme lösen. Die eine Hälfte trug währenddessen Kopfhörer, über die sie gelegentlich einzelne Wörter hörten. Mit anderen Worten: Sie mussten einen Weg finden, sich davon nicht allzu sehr ablenken zu lassen, und trotzdem konzentriert zu bleiben. Die andere Hälfte konnte sich der Aufgabe in Ruhe widmen, sie diente als Kontrollgruppe.

In der zweiten Runde absolvierten alle einen weiteren Test, bei dem ihre Kreativität gefragt war. Und hier zeigten die Gruppen eine völlig andere Denkweise: Die Kopfhörer-Gruppe war wesentlich kreativer als die Kontrollgruppe. Sie fokussierte sich mehr auf das große Ganze als auf kleine Einzelheiten – ein Verhalten, das neue Erkenntnisse im Alltag eher zu Tage fördert als übertriebene Detailverliebtheit.

In einer weiteren Studie sollten Freiwillige einen Gegenstand am Computer durch ein Labyrinth navigieren. Doch bei der Hälfte der Teilnehmer erschien plötzlich ein Hindernis, dass den direkten Weg zum Ziel versperrte – also mussten sie einen Weg finden, es zu umschiffen. Auch hier wirkte sich die temporäre Ablenkung nicht negativ auf die Kreativität aus – ganz im Gegenteil: Jene Probanden zeigten sich in Folgeversuchen wesentlich einfallsreicher. Offenbar erweiterte das Hindernis den geistigen Horizont.

Die Untersuchung basiert auf Erkenntnissen des legendären Psychologen Kurt Lewin. In seiner Feldtheorie philosophierte er bereits im Jahr 1935 über Barrieren, die uns den direkten Weg von A nach B versperren – und die uns dazu zwingen, einen Umweg zu finden, der uns zunächst vom eigentlichen Ziel wegführt.

Wer einem Hindernis begegnet, hat demnach zwei Möglichkeiten: Er kann die sprichwörtliche Flinte ins Korn werfen oder sich dadurch erst recht angestachelt fühlen und trotzdem einen Weg ins Ziel finden. Nach dem Motto: “Jetzt erst recht!” Wer sich für Zweiteres entscheidet und über eine passende Strategie grübelt, blickt durch das Hindernis eher auf das große Ganze – und denkt kreativer.

„Hindernisse können durchaus wertvoll sein“, resümiert daher Janine Marguc, „sie erhöhen die Motivation, steigern den Ehrgeiz und fördern kreatives Denken.“ Natürlich nur unter der Voraussetzung, dass sie uns nicht völlig aus der Bahn werfen.

Wer gerade konzentriert an einer Aufgabe brütet und vom lauten Kollegen abgelenkt wird, muss eben einen Weg finden, mit dem Krach umzugehen. Dadurch verändert sich gleichzeitig unsere Sicht auf die momentane Aufgabe – so dass wir mitunter eher eine Lösung finden, als wenn wir allein und ungestört im stillen Kämmerlein sitzen. Auch Kritik von anderen lasse sich somit in positive Energie umwandeln, meint Marguc – weil sie uns dazu zwingt, alte Pfade zu verlassen und stattdessen neue einzuschlagen.

„Das Gleiche lässt uns in Ruhe“, wusste schon Johann Wolfgang von Goethe, „aber der Widerspruch ist es, der uns produktiv macht.“ Und mitunter also auch kreativ.

Hauptsache, es besteht kein übertriebener Zeitdruck – wie dieses putzige Video zeigt.

Quelle:
Janina Marguc, Jens Förster und Gerben A. Van Kleef. Stepping Back to See the Big Picture: When Obstacles Elicit Global Processing. Journal of Personality and Social Psychology, 2011, Vol. 101, No. 5, 883–901

[Foto: soldiersmediacenter unter cc-by]

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