Besitztumseffekt ist kein universelles Phänomen

Jahrzehntelang gingen Psychologen davon aus, dass jeder Mensch seine Besitztümer nur ungern wieder loslässt. Doch eine neue Studie legt nahe: Der Besitztumseffekt ist nicht universell gültig.

HadzaSobald wir einen Gegenstand besitzen, steigt in unseren Augen dessen Wert. Was wir einmal haben, lassen wir nur ungern wieder los.

Dieses Phänomen bezeichnen Wissenschaftler heute als Endowment-Effekt, auch Besitztumseffekt genannt. Er gehört zu einer Reihe von Alltagsphänomenen, die Ökonomen und Psychologen in den vergangenen Jahrzehnten entdeckt haben.

Forscher konnten den Effekt bereits in Dutzenden von Experimenten nachweisen. Egal ob Kleinkinder, Erwachsene oder Affen: Alle ließen Gegenstände, die sie einmal besitzen, nur ungern wieder los.

Deshalb setzte sich die Annahme durch, dass der Effekt universell gültig ist. Dass Menschen einfach so sind, egal wie alt sie sind oder woher sie stammen. Doch diese Annahme war offenbar falsch.

So lautet das Fazit einer neuen Studie, die demnächst im renommierten Fachmagazin American Economic Review erscheint.

Coren Apicella, Assistenzprofessorin an der Universität von Pennsylvania, reiste dafür mit einigen Kollegen nach Tansania. An den Ufern des Eyazi-Sees leben die Hadza. Ein Volksstamm, der heute noch etwa 1000 Personen umfasst, und der weitgehend vom Jagen und Sammeln lebt.

91 Hadza im Alter zwischen 16 und 70 nahmen an Apicellas Versuch teil. Die eine Hälfte der Probanden lebte besonders abgeschieden, die andere Hälfte  hatte regelmäßig Kontakt zu fremden Händlern oder Touristen. Und dieser Unterschied wirkte sich auf das Verhalten aus.

Apicella reichte allen zunächst einen Gegenstand. Mal einen Keks, mal ein Feuerzeug. Diesen Gegenstand konnten sie entweder behalten oder kurze Zeit später gegen einen anderen eintauschen. Wohlgemerkt: Die Alternative war jedes Mal ziemlich identisch. Mal hatte das zweite Feuerzeug eine andere Farbe, mal gab es einen anderen Keks.

In bisherigen Versuchen zum Besitztumseffekt war das Ergebnis immer gleich: Die meisten Versuchspersonen halten am ersten Gegenstand fest. Doch bei den Hadza war es anders.

Jene Stammesmitglieder, die kaum Kontakt zu anderen Menschen hatten, zeigten keine Besitzansprüche. Sie tauschten den ersten Gegenstand immerhin in 50 Prozent der Fälle. Anders war es bei den Hadza, die viel mit Fremden zu tun hatten. Sie tauschten den Gegenstand nur zu 25 Prozent.

„Der Besitztumseffekt kein universelles, natürliches Phänomen“, schreibt Apicella. Stattdessen wird er offenbar vor allem von der Lebensumgebung und Kultur geprägt.

Hier noch ein Video ihrer Arbeit in Tansania.

 

Quelle:
Coren Apicella et al (2013). Evolutionary Origins of the Endowment Effect: Evidence from Hunter-Gatherers. American Economic Review.

[Foto: Papa Bravo via Shutterstock]

 

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  2. […] nachdenken, als wir es hier manchmal ohnehin schon tun. Etwa über die Sache mit dem Teilen und dem Habenwollen. Wie ist denn nun der Mensch an sich? Social-Media-Experten aller Art sollten sich auch den in Film […]

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