10 psychologische Fakten über Gähnen

Menschen tun es, Tiere tun es, und laut einer neuen Studie tun es sogar schon Föten im Mutterleib: Gähnen. Daher aus aktuellem Anlass zehn psychologische Fakten über Gähnen.

1. Föten gähnen im Mutterleib
Nadja Reissland von der britischen Universität von Durham gewann für eine aktuelle Studie (.pdf) 15 Schwangere. Die erklärten sich dazu bereit, ihre Föten ab dem sechsten Monat mehrmals per 4-D-Ultraschall ablichten zu lassen. Als Reissland die Aufnahmen ansah, stellte sie fest, dass die sieben Jungen und acht Mädchen tatsächlich den Mund so bewegten, wie es Menschen beim Gähnen tun. Allerdings gähnten sie umso seltener, je näher die Geburt rückte – eventuell ein Indiz dafür, dass Gähnen eine Rolle beim Entwicklungsprozess spielt.

2. Frühchen gähnen häufiger…
Zu diesem Ergebnis kamen italienische Forscher um Fiorenza Giganti von der Uni Florenz in einer Untersuchung (2007). Sie nahmen wochenlang zwölf Frühchen auf Video auf und bemerkten, dass die vor allem am Anfang wesentlich häufiger gähnten.

3. …und Grundschüler gähnen häufiger als Kindergartenkinder
Das wiederum behauptete schon 1987 Patrice Koch von der französischen Universität der Franche-Comté. In einer Studie stellte er fest, dass Kinder in der ersten Klasse bis zu fünf Mal mehr gähnen als ihre kleinen Kollegen im letzten Jahr des Kindergartens. Ob es am Unterricht lag, geht aus der Untersuchung allerdings nicht hervor.

4. Gähnen ist ansteckend – aber nicht bei jedem
Laut Ivan Norscia von der Uni Pisa kommt es vor allem darauf an, wen wir beobachten. In seiner Studie (.pdf) im vergangenen Jahr fand er heraus, dass Gähner unserer Verwandten am ansteckendsten sind. Dann folgen Gähner von Freunden und Bekannten. Bei Fremden ist die Ansteckungsgefahr demnach am geringsten.

5. Kinder gähnen nicht mit…
Zumindest nicht vor ihrem fünften Lebensjahr. James Anderson and Pauline Meno konfrontierten in ihrer Studie knapp 100 Kinder zwischen dem zweiten und elften Lebensjahr mit verschiedenen Gähnern. Mal gähnte eine Person vor ihren Augen, mal auf einem Video. Ergebnis: Keines der Kinder unter fünf ließ sich vom Gähnen anstecken.

6. …auch nicht bei Verwandten
Die britische Psychologin Ailsa Millen fand 2011 in einer Untersuchung heraus: Selbst wenn sie ihre Mutter gähnen sehen, lassen sich Kleinkinder davon nicht zum Mitgähnen animieren.

7. Mitgähnen zeugt von Empathie…
Der Verhaltensforscher Frans de Waal von der US-Universität Emory spielte in einer Studie (.pdf) 23 erwachsenen Schimpansen verschiedene Videos vor. Auf den etwa neun Sekunden langen Clips waren zwei Szenen zu sehen: Mal gähnte ein Schimpanse, mal lag er bloß faul da. Mal gehörte er zum eigenen Rudel, mal zu einem fremden. Und siehe da: Wenn die Test-Affen fremde Schimpansen gähnen sahen, gähnten sie selbst drei Mal. Sahen sie jedoch ihre Kumpanen gähnen, dann machten sie es ihnen im Schnitt über sechs Mal nach. Offenbar zeugt Mitgähnen also von Empathie.

8. …auch bei Pavianen
Elisabetta Palagi fand in ihrer Studie (.pdf) im Jahr 2009 heraus: Je näher sich zwei Paviane standen, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich vom Gähnen des anderen anstecken ließen.

9. Menschen mit viel Empathie gähnen häufiger mit
US-Forscher um Steven Platek von der Drexel Universität testeten eine Reihe von Freiwilligen in einer Studie 2003 auf ihre Empathiefähigkeit. Dann kontrollierten sie, ob sie sich vom Gähnen anderer Personen anstecken ließen. Fazit: Die besonders empathischen Personen gähnten am häufigsten mit.

10. Mitgähnen ist ein Zeichen für Gesundheit
Mehrere Studien kamen in den vergangenen Jahren zum Ergebnis, dass Personen mit geistigen Beeinträchtigungen seltener mitgähnen. So zum Beispiel Autisten – ein weiteres Indiz dafür, dass Mitgähnen vor allem ein Zeichen von Empathie ist.

Quellen:

1. Nadja Reissland, Brian Francis und James Mason (2012). Development of Fetal Yawn Compared with Non-Yawn Mouth Openings from 24–36 Weeks Gestation. PLoS One 7(11): e50569.

2. Fiorenza Giganti et al (2007). Yawning frequency and distribution in preterm and near term infants assessed throughout 24-h recordings. Infant Behavior and Development, Band 30, Nummer 4, Seite 641-647.

3. Patrice Koch, Hubert Montagner und Robert Soussignan (1987) Variation of behavioral and physiological variables in children attending kindergarten and primary school. Chronobiology International, Band 4, Nummer 4, Seite 525-535.

4. Ivan Norscia und Elisabetta Palagi (2011). Yawn Contagion and Empathy in Homo sapiens. PLoS One 6(12): e28472.

5. James Anderson and Pauline Meno (2003). Psychological influences on yawning in children. Current Psychology Letters, Band 2, Nummer 11.

6. Ailsa Millen and James Anderson (2011). Neither infants nor toddlers catch yawns from their mothers. Biology Letters, Band 7, Nummer 3, Seite 440-442.

7. Matthew Campbell und Frans de Waal (2011). Ingroup-Outgroup Bias in Contagious Yawning by Chimpanzees Supports Link to Empathy. PLoS One 6(4): e18283

8. Elisabetta Palagi et al (2009). Contagious yawning in gelada baboons as a possible expression of empathy. Proceedings of the National Academy of Sciences, Band 106, Nummer 46, Seite 19262-19267.

9. Steven Platek et al (2003). Contagious yawning: the role of self-awareness and mental state attribution. Cognitive Brain Research, Band 17, Nummer 2, Seite 223-227.

10. Atsushi Senju et al (2007). Absence of contagious yawning in children with autism spectrum disorder. Biology Letters, Band 3, Nummer 6, Seite 706-708.

Fiorenza Giganti und Maria Esposito Ziello (2009). Contagious and spontaneous yawning in autistic and typically developing children. Current Psychology Letters, Band 25, Nummer 1, Seite 1-11.

[Foto: twob unter cc-by-sa]

Kommentare

  1. Lieber Kollege, das ist jetzt ein anderes Thema. Du schreibst wohl für die WiWo. Ich nehme an, Du hast Die Zeit über die Zukunft des Journalismus gelesen. Hast Du? Was hältst Du von dem Statement von Roland Tichy? Ganz abgesehen vom Inhaltlichen, dass die Rotgrünen so schlecht seien. Wie fundiert ist es wohl, mit Verallgemeinerungen gegen Verallgemeinerungen zu wettern? Mit Parolen gegen Parolen? Wie fundiert ist sein Statement?

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  1. […] Gähnen steckt an, die einen mehr, die anderen weniger und soll außerdem ein Zeichen von Empathie sein. Im Blog alltagsforschung.de von Daniel Rettig finden Sie 10 psychologische Fakten über Gähnen. […]

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