10 psychologische Fakten über Angst

Mein Kollege Dieter Schnaas beschäftigt sich in der aktuellen Ausgabe der WirtschaftsWoche mit der „Angst-Republik“ Deutschland. Aus diesem Anlass hier zehn psychologische Fakten über Angst.

1. Schon Babys erkennen Angst
Bereits im Alter von drei Monaten sind Babys dazu in der Lage, in Gesichtern Angst zu erkennen. Das konnte Stefanie Höhl vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig nachweisen. Für ihre Studie (.pdf) im Jahr 2008 zeigte sie den Kleinen auf einem Monitor ein Gesicht, das auf einen Gegenstand blickte – mal mit ängstlicher, mal mit neutraler Miene. Im Anschluss sahen die Babys den Gegenstand ohne das Gesicht. Während des Experiments maß die Forscherin mithilfe von Elektroden die Hirnströme der Kleinkinder. Und siehe da: Beim Anblick des ängstlichen Gesichts reagierte das Gehirn der Babys am stärksten. Der Grund dafür ist offenbar evolutionärer Natur: Angst war bereits von Beginn der Menschheit an ein wichtiger Faktor, um sich vor Gefahren zu schützen – und somit zu überleben.

2. Die Angst sitzt im Mandelkern
Hat die Angst im Gehirn einen festen Platz? Und ob, resümierten US-Forscher um Sonia Bishop von der Universität von Kalifornien in Berkeley vor wenigen Monaten: Demnach sitzt sie hauptsächlich in einer Hirnregion namens Amygdala, auch Mandelkern genannt. Insgesamt 23 Freiwillige schlossen Bishop und Co. in der Studie (.pdf) an einen Hirnscan an. Dann zeigten sie ihnen an einem Monitor eine virtuelle Figur, die gelegentlich ohrenbetäubende Schreie von sich gab – mal hielt die Figur sich vorher die Ohren zu, mal ertönte der Schrei ganz plötzlich. Ergebnis: Besonders ängstlich reagierten jene Probanden, bei denen die Amygdala besonders aktiv war.

3. Das Auge verrät Angst
Zitternde Hände, schlotternde Knie – bei jedem zeigt sich Angst unterschiedlich. Glaubt man Paul Whalen von der Universität von Wisconsin in Madison, ist uns eine Reaktion jedoch gemein: Das Weiße in den Augen reicht aus, um im Gehirn Angst-Alarm auszulösen. Für seine Studie im Jahr 2004 zeigte er den Teilnehmern Gesichter mit neutraler Miene, doch zwischendurch blendete er ängstliche und glückliche Gesichtsausdrücke ein. Die Reaktion der Probanden hing von der Größe des weißen Bereichs im Auge ab – je größer dieser war, desto heftiger die Reaktion.

4. Angst verändert die Sinne
Joshua Susskind von der Universität von Toronto ließ 20 Freiwillige in seiner Studie (.pdf) im Jahr 2008 verschiedene Gesichtsausdrücke nachahmen, darunter auch ängstliche Mienen. Ergebnis: Das Gesichtsfeld wurde größer, die Pupillen schlugen schneller, die Nasenlöcher erweiterten sich. Bei Angst ist es offenbar hilfreich, so viele Informationen wie möglich über die bedrohliche Situation zu erfassen – und dabei hilft eine bessere Wahrnehmung.

5. Angst wird schneller erkannt als Freude
David Zald von der US-Uni Vanderbilt setzte die Testpersonen seiner Studie (.pdf) im Jahr 2007 vor eine Art Mikroskop. Nun blickten sie in verschiedene Gesichter und sollten erkennen, in welcher Stimmung sich diese befanden. Am schnellsten gelang das bei ängstlichen Mienen, gefolgt von neutralen und fröhlichen.

6. Angst aktiviert den Fluchtreflex
Zu diesem Ergebnis kam Beatrice de Gelder von der Harvard-Universität in Charlestown im Jahr 2004. In ihrer Studie (.pdf) reagierte nicht nur der Mandelkern der Teilnehmer besonders stark – sondern auch der so genannte motorische Cortex, der unsere Bewegungsabläufe koordiniert. Auch diese Reaktion ist vermutlich evolutionär bedingt: Sie hilft uns dabei, auf Gefahr schneller zu reagieren.

7. Die Körperhaltung signalisiert Angst
Es verwundert nicht, dass wir bei Angst verkrampfen. Dementsprechend schnell erkennen wir schon an der Körperhaltung, ob jemand Angst hat. Laut einer Untersuchung von Rachel Bannerman von der Universität von Aberdeen (.pdf) geschieht das bereits innerhalb von 20 Millisekunden.

8. Schweiß überträgt Angst
Der chemische Botenstoff Pheromon spielt sowohl bei Tieren als auch bei Menschen eine große Rolle – auch bei der Übermittlung von Angst, wie Lilianne Mujica-Parodi von der Stony Brook Universität im Jahr 2008 behauptete. Vereinfacht gesagt kam sie in ihrer Studie (.pdf) zu dem Ergebnis: Das Gehirn kann Angstschweiß gewissermaßen riechen. (Achtung, es wird jetzt ein bisschen eklig). Gemeinsam mit ihren Kollegen entnahm die Wissenschaftlerin 144 Probanden Schweißproben aus deren Armhöhlen – und zwar in einer stressigen Situation: beim Fallschirmspringen. Dann schloss sie Freiwillige im Labor an einen Hirnscanner an und ließ sie an den Schweißproben schnuppern. Verblüffend: Beim Riechen des Angstschweißes reagierte das Gehirn stärker als bei Kontrollproben.

9. Angstschweiß löst Empathie aus
Wo wir gerade beim Thema Schweiß sind, hier noch eine weitere Erkenntnis: Angstschweiß löst Empathie aus, fand Alexander Prehn-Kristensen von der Uni Kiel im Jahr 2009 heraus. Auch in seiner Studie (.pdf) mussten 28 Freiwillige an Schweißproben riechen – und zwar unter anderem an solchen, die in Stresssituationen entnommen worden waren. Jetzt reagierte nicht nur das Angstzentrum im Gehirn, sondern auch die so genannte Inselrinde. Diese ist dafür zuständig, Emotionen von anderen zu lesen, kurzum: Empathie zu zeigen.

10. Positive Gefühle kompensieren Todesangst
Es gibt angenehmere Gedanken als die Gewissheit der eigenen Sterblichkeit. Doch offenbar sorgt ein Schutzmechanismus im Gehirn dafür, uns vor dieser lähmenden Angst zu schützen, wie die beiden US-Psychologen Nathan DeWall und Roy Baumeister in einer Untersuchung (.pdf) im Jahr 2007 zeigen konnten. Die eine Hälfte der Probanden sollte sich mit dem eigenen Tod beschäftigen, die andere an einen Zahnarztbesuch denken. Danach sollten die Teilnehmer verschiedene Sprachtests absolvieren. Der Sinn der Sache: Diese Tests sollten unbewusste Assoziationen verraten sollten. DeWall und Baumeister ließen die Probanden beispielsweise Wortfragmente vervollständigen, aus denen sich ein emotionales oder ein neutrales Wort formen ließ. Das Ergebnis war immer dasselbe: Wer sich mit dem Tod auseinandergesetzt hatte, neigte im Anschluss zu positiven Assoziationen. Offenbar sorgte eine Art psychologisches Immunsystem im Angesicht der Todesgedanken dafür, positive Informationen schneller zugänglich zu machen. Mit anderen Worten: Die Teilnehmer konzentrierten sich stärker auf die angenehmen Seiten des Lebens.

 

 

Kommentare

  1. Eberle Peter C. says:

    Sehr geehrter Herr Rettig
    Ihre Texte sind interessant. Dürfen wir diese in unserem Magazin veröffentlichen unter Ihrem Namen und Bezug auf Ihre Internetseite?
    Es würde uns sehr freuen!
    pce

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